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Auf ein Telefonat mit Ijoma Mangold

Ijoma Mangold: „Das eigentlich Glückverheißende ist, sich einem Ziel zu nähern.“

Wir sind wild, romantisch, kindisch, heroisch, auch phobisch, traumatisch und nicht zuletzt berühen wir uns mit ihnen, weil sie aus unseren Tiefen stammen. Neulich hörte ich auf dem U-Bahnsteig jemanden in sein Telefon hauchen: „Ein Traum ist nicht vernünftig, aber schön.“ Wen diese Botschaft nun in welchem Effekt treffen sollte, soll mich nicht interessieren.

Manche sagen, der Wunschtraum sei Lebenselexier, ein Antrieb für Lebensfähigkeit. Ohne ihn könne man nicht existieren, quasi ohne den Traum nicht einmal überleben. Er gibt uns Hoffnung, ist Teil des täglichen Bürofluchtplans, oft auch eine literarische Sehnsucht (für den kleinen Helden sozusagen). Und irgendwie auch zum Schreien komisch, wenn wir mal wieder den Vorstellungen eines Freundes lauschen, der ja eigentlich aus seinem Nähkästchen plaudert.

Oder wir gar unfreiwilliger Zuhörer einer solchen Äußerung wieder werden. „Boah, so’n Transformer sein, wäre schon geil“, grinst neulich der Zwerg mit dem viel zu großen Schulranzen, in der U-Bahn neben mir stehend, in die Runde. Den Rest seiner Begeisterung formuliert er, als sei es eine selbstverständliche Berufswahl. Ein anderer Zwerg wendet ein: „Geht ja gar nicht. Das war doch nur ein Film.“ Die daraus resultierende Diskussion würde den Rahmen hier sprengen.

Ich gebe aber zu: Ich träume heute auch noch sehr gerne. Erst neulich war Eddie Vedder eigentlich nicht existent, außer seiner Stimme, die eigentlich mir gehört. Ganz zu schweigen von den Gitarrensoli bei Deus und meiner Einhundertmeter-Jacht. Bleibt nur noch herauszufinden, wann ich welchen Traum umsetzen kann.

Und weil es mich brennend interessiert, rufe ich jemanden an, der Wunsch und Traum, quasi den Wunschtraum, bereits in tausenden belletristischen Formungen und Kontexten gehört und gelesen hat: Ijoma Mangold, deutscher Literaturkritiker und stellvertretender Ressortleiter Feuilleton DIE ZEIT. Vielleicht sagt er mir, was ich tun kann…

Ich: Herr Mangold, Hand auf’sTelefon: Was ist Ihr größter Traum?

I. Mangold (lacht): Gleich eine Überrumpelungsfrage. Und nicht weil es mir an Offenheit fehlt, aber ich habe keinen „größten Traum“ so direkt auf der Zunge. Das heißt bestimmt nicht, dass ich wunschlos glücklich wäre, ganz im Gegenteil. Ob es einen konkreten Traum gibt, das glaube ich, könnte ich so nicht sagen.

Ich: Angenommen es gäbe den Traum doch: Wollten Sie ihn überhaupt wahr werden lassen?

I. Mangold: Na ja, ich glaube, das Problem am großen Wunschtraum ist, dass wir Menschen alle in erster Linie von einer wahnsinnigen narzistischen Energie getrieben sind. Ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto stärker fällt es mir auf, wenn ich in die Welt um mich herumblicke. Nun weiß ja jeder, der mit sich im stillen Kämmerlein sitzt, dass er sicherlich recht omnipotente Wünsche und Träume hat. Anders ist es wohl eine ganz normale, neuronale Grundfunktion. Und jeder halbwegs vernünftig tickende Mensch weiß, dass das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Es wäre wohl falsch, das auf die Wirklichkeit loszulassen. Weshalb man auch nie laut darüber reden würde. Nicht, weil es falsch wäre, sondern eher aufgrund der libidösen Anmutung, der Initimität, die dahintersteckt.

Ich: Ihr Kollege Ulrich Rüdenauer hat mal geschrieben: „Wem sich die Dinge erfüllen, der dürfte der Hölle näher sein als dem Himmel. Sehnsucht bedeutet Wachheit, Überreizung, Dasein in der Schwebe, Bewegung, Leidenschaft, zuweilen ein Zurückgeworfensein auf die Vergangenheit.“ Kennt der Mensch heute überhaupt noch die Sehnsucht eines unerfüllten Traumes?

I. Mangold: Das ist ja ein altes Motiv, auch in der Literatur, dass einem nichts Übleres passieren kann, als wenn die eigenen Wünsche wahr werden. Aber das kann ich natürlich nicht überprüfen, weil meine eigenen Wünsche nicht wahrgeworden sind. Dass man immer Spannung braucht, etwas Nichtrealisiertes, das sich auf die eigene Sehnsucht ausrichtet, ich glaube, so ist Ulrich Rüdenauer zu verstehen. Das leuchtet einem ja auch sofort ein. Das eigentlich Befriedigende und das Glückverheißende ist, sich einem Ziel zu nähern. Und sobald man es erreicht hat, kommt das Gefühl des Überdrusses und das Ende irgendwie wahnsinnig schnell. Das ist eine sehr gemeine Struktur unserer Art, in der Welt zu sein und des Lebens. In der Tat kommt man da nicht drum herum.

Ich: Da gibt es aber ja noch die tausend anderen Träume, die man uns als unsere eigenen verkauft. Produziert von den Medien. Der Traum wird ja heute dann doch schon sehr inflationär verwendet…

I. Mangold: Ja, das ist so ein bisschen Kulturkritik der alten Kiste. Das leuchtet mir immer nicht ganz so ein. Es ist völlig in Ordnung, dass Träume fabriziert werden, damit ist ja immer viel Spaß verbunden. Und diese alte Kulturkritik aus der Adorno-Schule hat ja die Angst, dass da eine Verdinglichung, eine Fremdbestimmung unseres Innenlebens stattfindet, in der wir nicht mehr unseren wahren Wünschen folgen, sondern den Traumgrößen, die die Kulturindustrie oder Hollywood erzeugt. Ehrlich gesagt: Damit hab ich nun gar kein Problem. Ich finde nichts schöner, als der Traumschönheit einer Julia Roberts in einem dunklen Kinosaal nachzuhängen.

Ich: Dann also doch noch mehr Träume dieser Art erzeugen?

I. Mangold (zögert): Das mit den Träumen – also ich weiß nicht, ob dieser Begriff Traum ein wenig zu speziell ist – also es gibt Träume, wie wir sie kennen, künstliche Welten wie im Kino oder in den Büchern. Ohne diese Welten wären unsere Träume wirklich öde. Und natürlich schaue ich mir deswegen gerne einen James Bond an, weil ich in Wahrheit auch wahnsinnig gerne mal wie ein Geheimagent durch die Welt ziehen würde. Dieser simple Identifikationsmechanismus ist ja das Herz von allen fiktionalen Welten. Man sollte sich weder davor schämen noch sollte man sie unterdrücken. Wenn ich mich dann aber frage, woher das Glück im realen Leben kommt, hat das als real empfundene Glück ja in Wirklichkeit nichts mit Träumen zu tun, sondern eher mit Substanz. Merkt man, dass bei den Genüssen Inflationsgefahr in Verzug ist, sucht man nach etwas, das irgendwie nachhaltig ist, das man mit Menschen verbindet, das über den Tag hinaus dauert wie eine Beziehung. Das bringt wohl die eindeutige Befriedigung im Sein.

Ich: Bringt uns das Streben nach Erfüllbarkeit voran?

I. Mangold: Ich glaube schon, dass die meisten Dinge in dieser Welt entstanden sind, weil ihre Betreiber unter maßlosem Ehrgeiz gelitten haben. Weil eine Welt, in der der Ehrgeiz abgeschafft wäre, würde vermutlich in der Entropie zerfallen, weil es dann zu wenig Energie gäbe.

Ich: Haben Sie schon einmal mit Ihrer Kritik an einem, sagen wir literarischen Werk, den Traum eines Autoren zerstört?

I. Mangold: Nein. Man kann durch eine Rezension die gute Laune und das Hochgefühl eines Autors empfindlich treffen. Aber ich glaube nicht, dass ein einfacher Literaturkritiker bei unserem pluralistischen Medienorchester heute noch die Kraft hat, ein Autorenschicksal völlig zu besiegeln. Das glaube ich nicht. Der blutigste und gleichzeitig bekannteste Zerriss, den ich kenne aus der Literaturgeschichte, ist der von Friedrich Sieburg über Walsers Roman ‚Halbzeit’. Danach wuchs eigentlich kein Gras mehr. Es hat aber glücklicherweise der großen Walser-Karriere nicht geschadet. Auch wenn ihm diese Rezension selber noch Jahrzehnte später nachgeht.

Ich: Lieber Herr Mangold, vielen Dank für das Telefonat!

Zurück in meinem Kopf, halte ich die Träume an die Jacht und Gitarrensoli wach. Ich lebe sie gerne in den Momenten, in denen ich sie brauche, weil sie Kraft geben. Und ständig kommen neue hinzu. Ich habe über die Zeit gelernt, mit ihnen umzugehen und die Realistischen von den Unrealistischen zu trennen. Nach welchen Kriterien ich dabei vorgehe, verrate ich aber nicht…

(Eine Anmerkung: Das Telefonat fand statt am 18. Juli 2011 um 15:30 Uhr)

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