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Auf ein Telefonat mit Nando Lierath

Nando Lierath: „Es war eine prägende Lebenszeit, eine Zeit des Ausprobierens.“

Eine morgendliche U-Bahnfahrt ins Büro unterhält mich mit monotonem Rattern der Wagenräder über Gleise. Wann habe ich mich das letzte Mal eigentlich an meine Einschulung erinnert? Erst kürzlich, als mein Chef über die Einschulung seines Kindes twitterte. Und plötzlich war ich wieder der Zwerg, dessen Füßchen nervös auf einer eigens gezimmerten Fußbank vom Hausmeister der Schule scharrten, weil sie zu kurz waren. Das Stück Holz verfolgte mich nach der ersten Klasse noch die Hälfte meiner Schulzeit, und so richtig losgeworden bin ich es bis heute nicht. Die Bank ist zumindest ein Lacher für gesellige Runden.

Manchmal glaube ich, dass mich diese Zeit geprägt hat. Natürlich gab es noch viele andere Faktoren, die mich zu dem machten, der ich heute bin. Und bis jetzt habe ich eine Menge Kohle ausgegeben, damit man mich auf den richtigen Persönlichkeitspfad führt. Denn mit so ganz viel Mut statteten mich Kindergarten und Schule nicht aus.

Was war es eigentlich, das uns prägte, das unsere Persönlichkeit formte? Waren es die Kinderstreiche, mit denen wir uns Respekt erkämpften? Waren es lange Fernsehnächte, respektive Lesenächte, in denen wir die Facetten unserer Helden verinnerlichten? Oder war es gelernte Angst, die unsere Glieder lähmte und das Leben auf Wunschträume reduzierte?

Alles. Mit Sicherheit ein bedenklicher Cocktail aus allen Erfahrungen, die wir machen.  Nur ihre Ausprägungen nahmen ganz unterschiedliche Tiefen an. Manche Gräben sind nun tiefer als der Marianengraben, andere so seicht wie die Ebbe des Wattenmeeres. Zu erkennen ist die Vielfalt an Schluchten in den Gesichtern vieler Menschen, die mir täglich auf meinem U-Bahnritt begegnen.

Unterdessen gibt es Menschen, die ihre Umwelt Zug um Zug herunterschlucken. Sie vollziehen schon in ihrer Kindheit und Jugend stetige Persönlichkeitswandlungen, die sie zu greifen schwer machen. Ihre Rollen nehmen den obersten Beliebtheitsskalenrang ihrer Mitmenschen ein, ebnen ihnen den Weg in täglichen Seifenopern oder bringen sie auf die Schulbühnenbretter, die die Welt bedeuteten.

Gerne denke ich an unser Schultheater zurück, das über die Mauern der Lehranstalt und auch ihrer Wirkungszeit hinaus als Kabarett bekannt wurde. Und dabei denke ich stolz daran, dass ich einen seiner schillernden Mitstreiter zu meinen engsten Vertrauten zähle. Denn schlussendlich hat auch er mich geprägt mit seiner Art, die Dinge mit seinem literarisch, gesellschaftlichen „Papst-Auge“ zu sehen.

Also krame ich wieder mein Telefon aus der Jacke. Es ist kalt, meine Handschuhe verhindern ein zielorientiertes Tasten. Aber ich schaffe es, die Nummer eines alten Freundes zu wählen, den ich seit meiner Einschulung kenne, aber erst in den Jahren nach unserer gemeinsamen Schulzeit schätzen gelernt und seine Eingebungen als prägend empfunden habe. Nando Lierath war bis 2004 Mitglied des Kabarettquartetts Die NINGDONGS und weiß um ein prägendes Leben mit vielen verschiedenen Gesichtern.

Ich: Bist Du noch der, der Du sein möchtest oder schon jemand anderes? Wer warst Du alles in den letzten zwanzig Jahren?

N. Lierath: Also ich war in den letzten zwanzig Jahren eigentlich nie jemand anderes, als ich jetzt bin. Es gibt immer Momente in der Selbstwerdung, in der Selbstfindung, wo man sich vielleicht an Idolen oder Persönlichkeiten orientiert, die man toll findet und zu denen man aufschaut. Bei denen man sich sagt – so möchte ich sein. Aber das sind Orientierungspunkte und die sind natürlich mit Utopie verknüpft. Das sind ja alles Menschen, an denen man sich vielleicht die Maßstäbe für sich selbst erarbeitet. Aber das hat noch nicht dazu geführt, dass ich jemand anderes sein wollte. Oder nicht zugelassen habe, mich ganz persönlich und authentisch dahin zu entwickeln, wie ich es heute bin. Ein Prozess, der übrigens nie abgeschlossen werden kann.

Ich: Vor einigen Jahren warst du eine tragende Figur im Kabarett-Quartett Die NINGDONGS. Ich erinnere mich noch an einige Auftritte damals, den letzten bewusst am 4. November 2000. Wenn Nando Lierath heute zurückblickt – wie wirkt der alte von damals?

N. Lierath: Interessant, dass Du das fragst. Denn seit diesem Jahr existieren wir genauso lange nicht, wie wir überhaupt als aktive Gruppe existiert haben. Meine Mitstreiter würden jetzt einwerfen, dass wir immer weiter existieren, denn wir sind ja nicht gestorben, wir spielen nur nicht. – Das ist Haarspalterei. Aber es stimmt schon, dass wir sieben Jahre auf der Bühne aktiv waren und es seit sieben Jahren nicht mehr sind. Es war eine prägende Lebenszeit, eine Zeit des Ausprobierens, des Wachsens, aber auch des Umsehens nach links und rechts, was es noch so für Möglichkeiten gibt, weshalb wir 2004 gesagt haben, dass jeder einmal schaut, was es noch so im Leben gibt. Wir waren an einem Scheidepunkt, es entweder vollständig professionell zu machen oder uns zu trennen, um anderen Interessen zu folgen. Nichtsdestotrotz hatte uns die Zeit sehr eng zusammengeschweißt. Ich möchte diese Zeit nicht missen. Vielleicht ständen wir heute bei „Neues aus der Anstalt“ mit Urban Priol. Aber das mag alles nur Spekulation sein.

Ich: Ja, und es bleibt alles anders… Schönes Credo für ein Programm übrigens. Ihr seid dann gleichzeitig mit Stücken von Herricht und Preil aufgetreten, hattet sogar die Exklusivrechte von Hans-Joachim Preil erhalten, ihre Stücke auch in der Öffentlichkeit spielen zu dürfen. War es Überzeugung, sie zu spielen bzw. das Publikum in Erinnerungen zu bannen oder nur neuer Stoff für Euch?

N. Lierath: Auch eine aktuelle Frage, da Rolf Herricht in diesen Tagen dreißig Jahre tot ist und der MDR ihn auch ehrt. Er gehört nämlich zu den Künstlern, die in einem eher wiedervereinigten Deutschland so groß hätten werden können, wie Heinz Ehrhard in der Bundesrepublik. Und es ist traurig, dass er es nicht geworden ist. Ob sie als Duo auch so groß geworden wären, weiß ich nicht. Für mich waren die beiden damals kein Neuland, eher für meine Mitstreiter. Ich hatte ihre Schallplatten mit den besten Stücken. Aber es war nicht die Suche nach neuem Stoff oder nach einer neuen Identität mit neuen Rollen. Ich fand die Idee nur gut. Und dann fingen wir an, die Stücke zu spielen und merkten, dass es eine runde Sache war. Übrigens viel schöner für mich persönlich als die großen Programme mit dem Gesamtensemble, weil ich hier eine Rolle gespielt habe. Es ist zwar nicht so wie in einem Theaterstück, in dem man mit dem Abend in die Rolle hereinwächst, denn es sind ja eben kürzere Stücke, aber sie waren immer nach demselben Motto gestrickt – wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte und der lachende Dritte ist das Publikum. Hierbei haben wir wirklich handwerkliches Gespür entwickelt, weil wir miteinander wie kleine Regisseure gearbeitet haben. Es gab also eine kleine Werkstatt für Herricht und Preil, und es war schön, mal nicht das Mädchen für alles zu sein. Denn bei den anderen Programmen war ich bei jeder Nummer nicht nur als Darsteller dabei. Einer musste Klavier spielen oder musste überleiten. Hier war ich nun in der Rolle ähnlich des Rolf Herricht. Und dass wir dann auch noch Kontakt aufnehmen konnten zu Herrn Preil, der uns die Rechte dafür einräumte, war etwas Wunderbares. Jedoch deklarierten wir unser Auftreten mit diesen Rollen nie als Herricht und Preil, sondern blieben immer wir selbst, was wir in den Überleitungen auch so unmissverständlich vermittelten. Wir nahmen nie ihr Aussehen an oder taten so, als wären wir sie. Dieses Modell fanden wir immer erstrebenswert.

Ich: Ich kenne Dich als einen Menschen, der sogar schon mal einen Brief an den Papst schreiben würde oder sich auf einen Kaffee mit Thomas Mann getroffen hätte. Wieso faszinieren Dich (diese) Berühmtheiten?

N. Lierath: Also grundsätzlich würde ich mit keinem von beiden tauschen wollen. Der Papst hat für mich eine viel zu hohe Verantwortung und Thomas Mann ist bereits tot. Ich möchte höchstens beiden ihren Sinn für Eloquenz stehlen, weil ich sie in ihrer Rhetorik sehr verehre. Wobei sie beide eigentlich vollständig gegensätzlich sind. Ratzingers Bescheidenheit ist für mich sehr bewundernswert. Ich liebe seine einfache Rhetorik, die prägnant ist, die überzeugend ist. Sie wirkt immer sehr spontan, ist dabei aber so korrekt, dass man sein Wort fast immer ohne Lektorat drucken könnte. Anders bei Thomas Mann – und das teilst Du ja mit mir – bei ihm es ist seine Art, verkünstelt, verkapselt zu reden, und zu schreiben, wie er es für richtig hält, ohne Rücksicht auf den Leser. Und es gibt diese schönen Zitate, wo er sich quasi selbst persifliert, aus dem „Dr. Faustus“, wo ein Satz über fast eine oder mehrere Seiten geht und er dann mitten auf der Seite schreibt: „Ich bitte darum, erneut ansetzen zu dürfen.“ Eine wunderbar kunstvolle Sprache, in der heute niemand mehr schreibt. Das ist für mich etwas ganz Großartiges. Aber grundsätzlich würde ich mich auch gerne mal mit Helmut Schmidt auf eine Zigarette treffen. (Er grinst, man hört es sehr gut.)

Ich: Dein Leben ist eng mit der Musik verknüpft, schon aus Familiengründen. Welche Rolle spielt die Musik für Dich heute?

N. Lierath: Jede andere Frage wäre einfacher. Wenn einem Musik so viel bedeutet, wie sie mir bedeutet, dann möchte man an dieser Stelle etwas Schönes sagen, etwas Denkwürdiges. Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist aber sicherlich so, dass sie eine treibende Alltagskraft für mich ist. Und zwar ganz unbewusst sowohl beim Musik machen als auch beim Musik hören. Wobei interessant ist, dass ich in Wochen, in denen ich zur Ruhe kommen soll, durchaus auch einmal eine Woche ohne Klavier auskomme. Eigentlich ist das ein Luxus für jemanden, der im Training bleiben muss. Aber dann fehlt mir nichts. Es ist keine Sucht, keine Droge, jedoch ist sie für mich schon ein unentbehrlicher Lebenspartner.

Ich: Heute bist Du Musiklehrer. Ist der Umgang mit den Schülern ein musikalisches Schauspiel für Dich?

N. Lierath: Ich bin in diese Sache eher hineingerutscht. Der Beruf des Musiklehrers ist für mich eine momentane Perspektive, deren Ende nicht absehbar ist, weil ich sie sehr gerne ausübe. Aber es war nie mein Wunsch, Musiklehrer zu sein oder überhaupt als Lehrer zu arbeiten. Ich hatte mir damals mit einem geisteswissenschaftlichen Studium eine akademische Basis geschaffen, für welche Aufgabe auch immer. Aber die Lehreraufgabe war dabei gar nicht in meinem Kopf. Der große Mangel an Musiklehrern, gerade hier in unserer Heimat, war eigentlich das Glück für mich, diesen Beruf zu ergreifen, bei dem ich mein Wissen anwenden kann und selbst auch zu wissen, dass mein Wissen gebraucht wird. Jetzt bin ich seit drei Jahren dabei und kann sagen, dass ich ihn gerne mache. Der Musiklehrer in mir ist dabei eine Facette. Denn jeder, der mich kennt, weiß, es gibt das Oberlehrerhafte, es gibt den alten Professor in mir, der belehrt und den Finger hebt, der merkt, dass die Leute an seinen Lippen kleben. Und das ist eine Eigenschaft, die kann ich hier gut an meine Schüler verkaufen.

Ich: Danke, mein Lieber, für das Gespräch. Auf bald wieder…

Nach jedem Nando-Gespräch schwimme ich in meinem Meer aus Erinnerungen. Es ist ein Flashback durch meine eigene Zeit. Ich will sie nicht mehr missen. Ich kann es auch nicht. Aber es ist immer noch eine prägende Lebenszeit und vor allem eine Zeit des Ausprobierens. Das wird wohl noch ein paar Jahre so weitergehen. Und ob das mit dem Prägen überhaupt so wichtig ist, weiß ich nicht. Es bleibt ja alles anders.

(Eine Anmerkung: Das Telefonat fand statt am 19. Oktober 2011 um 16:00 Uhr)

5 Comments

    • flocke_hh flocke_hh

      vielen dank! 🙂

  1. Franzii ^^ Franzii ^^

    😀 tolle seite ^^ 🙂

  2. Amöna Amöna

    ….. bin im samstagmorgenrausch auf diese zeilen der vergangenheit gestossen. und saß ein bissl mal neben dir und dann neben nando am telefon. ach, sind wir alle groß geworden! und dann kommen ein paar erinnerungsmomente ins herz und ich schick grüße an dich und den herrn lehrer. viel gutes von a.

    • flocke_hh flocke_hh

      ach, liebe amöna, was’s doch schön, von dir zu lesen! 🙂 freut mich sehr! ja, ja, groß und erwachsen und der ein oder andere recht weise 🙂 wie geht es dir? liebe grüße

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