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Auf ein kurzes Telefonat mit Friedrich Liechtenstein

Foto: Ralph Anderl
Foto: Ralph Anderl

Friedrich Liechtenstein: „Ich möchte schon gerne eine utopische, durchgeknallte, aber auch warme Welt mit meinen Fans teilen.

Und eigentlich wusste ich nicht, was ich fragen sollte. Ja, „Supergeil“ lief mal rauf und dann mal runter. Für mich, als einer aus der Branche, war es natürlich nicht zu übersehen, welche Wirkung der Clip von Edeka entfaltet hatte. Und mit ihr kamen die Diskussionen um die Genialität und überschlugen sich die Wider – weil man ja irgendwie wusste: das Ding verpufft auch wieder. Und den typischen Lebensmittelkonsumenten hat man wohl nicht erreicht. Oder doch?

Ich hatte keine Ahnung, womit ich mich schließlich auch nicht an der Debatte hätte beteiligen können. Ich wusste, das tun andere. Habe ich doch generell keine Meinung zu laut diskutierten Themen. Man nennt sie auch Säue, die durch Dörfer getrieben wurden. Und jeder Klumpen Schmutz fällt auf einen Kommentar zurück.

Wie dem auch sei. Sie überwältigte mich trotzdem, die Spannung, die Neugier nach Wissen, was das für ein Charisma war, das mit Würstchen und Uschi-Muschi-Sushi durchs Bild strampelte, sich mit Milch badete. Der Barry White der Werbung, wie ich dachte. Davon mal abgesehen, dass jemand „Supergeil“ in die Kamera schnurrt. Das ist wahrlich nicht zu verachten.

Ein paar recherchierte Artikel, ein flüchtiger Blick auf die Website weiter dann musste der Entschluss geboren worden sein, mal ein paar Worte mit dem Menschen zu wechseln. Ich gebe zu, es war noch der Moment, als ich nicht wusste, dass der Protagonist ein Chamäleon ist. Wandelbar, vielseitig und kein singender Knäckebrotverkäufer aka reelles Testimonial des werbetreibenden Unternehmens.

Nein, er war Friedrich Liechtenstein. Und er spielt auch schon noch richtig coolere Understatements:

Also rief ich ihn an. Auch, weil er ein neues Album plant. Ein erster Lausch auf bisher Produziertes – gewöhnungsbedürftig. Ein zweiter – genial! Weil so schön unkompliziert, stimmungsanpassungsfähig, so genanntes Easy-Listening (Songs am Ende des Interviews).

Ich: Herr Liechtenstein, wo gehen Sie eigentlich einkaufen?

F. Liechtenstein: Tatsächlich sehr oft bei Edeka. Zu 99 Prozent. Das liegt daran, weil ich direkt einen vor der Tür habe und da gehe ich auch regelmäßig hin.

Ich: Bevor wir auf die neue Platte von Friedrich Liechtenstein zu sprechen kommen, interessiert mich: Es gibt Stimmen, die behaupten, der Song „Supergeil“ hätte bereits lange schon existiert.

F. Liechtenstein: Ja, das kann man im Netz auch nachverfolgen, es gab ihn schon etwas länger. Der Song „Supergeil“ ist eigentlich vom Song „Der Tourist“ abgeleitet.

Ich: Wie ist denn die Geschichte hinter „Supergeil“?

F. Liechtenstein: Ich bin da eigentlich gar nicht involviert gewesen. Ich habe schon so viele Alben veröffentlicht, dass jedoch ausgerechnet dieser Song genommen wird? Also er ist ursprünglich ein Projekt von Jakob Grunert, der hat sich den ausgedacht und ist auch mit Edeka ins Gespräch gekommen. Sie haben dann ohne mein großes Zutun alles eingefädelt und vorbereitet. Ich war NUR der Performer. Aber wer da wen zuerst angerufen hat und so, das weiß ich alles gar nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es recht einfach war, den Schritt von Supermarkt zu „Supergeil“ zu gehen. Der war ja im Netz danach sehr erfolgreich.

Ich: Könnte Sie überhaupt irgendeine Supermarktwerbung interessieren oder beeinflussen? Oder gehören Sie zu den Werbeverweigerern?

F. Liechtenstein: Das ist ein riesen Business, da habe ich wirklich keine Ahnung. Das machen eher hochbezahlte Leute; ganze Häuser sind voll mit Menschen, die sich mit Marketing, Werbung, Strategien und Kampagnen beschäftigen. Keine Ahnung. Ich glaube, die wissen selber nicht, ob irgendwas funktioniert oder nicht. Man müsste mal Edeka fragen, ob die mehr Einnahmen dadurch gemacht haben, was sie wahrscheinlich gar nicht verraten werden. Und ich weiß auch gar nicht, wie Werbung bei mir funktioniert. Ich gehe zum Supermarkt, weil er direkt vor meiner Nase ist. Wohnte ich in der Nähe eines anderen, würde ich dort einkaufen.

Ich: Die Aufmerksamkeit, die Sie dadurch generiert haben, ist wieder am abflauen oder können Sie die auch für Ihr neues Album nutzen?

F. Liechtenstein: Ja, ich glaube schon ein bisschen. Natürlich kann man nicht alles mitnehmen. Ich weiß schon, dass ich etwas Aufmerksamkeit genieren konnte und interessanterweise bekamen vor allem die Leute, die mich sowieso schon von früher kannten, Rückenwind. Die sagen ‚Ja genau, wir wussten schon immer, dass Du cool bist und endlich kriegste auch mal Rückenwind’ und ‚Wir halten zu Dir’. Ich glaube aber, so furchtbar viele neue Leute sind es nicht gewesen. Die meisten glauben eher ‚Ah, das ist ein Mann, der verkauft Knäckebrot bei Edeka und singt immer „Supergeil, Supergeil“’. Und die wären ja dann auch enttäuscht, weil ich ganz normaler Musiker und Entertainer bin. Die werde ich dann wohl wieder verlieren.

Ich: Was ist die Geschichte hinter Ihrem neuen Album?

F. Liechtenstein: Wie immer bei poetischen Dingen, ist es sehr, sehr schwer, darüber zu reden. Man kann nicht alles erfassen. Es ist ein Konzeptalbum. Das heißt, zwischen den Songs gibt es Verbindungsstücke, also eine Geschichte, die man durcherzählen kann. Und wir erleben einen durchgeknallten Typen, der in die Berge geht, um dort zu genesen. Er geht nach Bad Gastein, in der Nähe von Salzburg, wo es eine Heilquelle gibt. Da will er gesund gebadet werden und erlebt noch ein paar Abenteuer, telefoniert mit seiner Ex, ist alleine im Hotel und denkt über sein Leben und die Liebe nach – so ganz grob erzählt. Es ist elektronische Musik mit Streicherparts. Die Texte sind kryptisch, poetisch – Popsongtexte eben. Und das ist so angelegt, dass den Leuten warm ums Herz wird.

Ich: Ich lese auf Ihrer Website „Return of the Kinky King“. Die Rollen, in die Sie gerne schlüpfen, sind quasi Ihre Identifikation. Wie viel nehmen Sie mit aus alten Rollen in neue?

F. Liechtenstein: Natürlich habe ich große Entwicklungen durchgemacht. Wenn ich mir die Fotos anschaue von den letzten zehn Jahren, dann kann man auch die Unterschiede meinerseits sehen und wie ich immer drauf war in den unterschiedlichen Zusammenhängen. Die Figuren sind Facetten meines Œuvre und mal mehr durchgeknallt, mal weniger. Und ich möchte schon gerne eine utopische, durchgeknallte, aber auch warme Welt mit meinen Fans teilen. Ist recht moderat. Es ist Pop, es ist Chanson… es ist alles relativ sanft. Fantasievolle Barmusik.

Ich: Sie müssten eine Liste auf Spotify füllen. Mit welchen Songs?

F. Liechtenstein: Das kommt immer auf die Stimmung an. Zum Beispiel von der Rah Band ‚Cloud to cross the moon’ oder Marvin Gaye mit ‚Distant lover’ oder ‚I want you’, ‚What’s going on’ finde ich sehr schön. Oder Barry White Nummern. Finde ich alles sehr schön und sollte mit auf die Liste. Das ist so die Speerspitze meines Geschmacks.

Ich: Vielen Dank für das Gespräch!

F. Liechtenstein: Vielen Dank für Ihr Interesse!

Ich lege auf und denke: ich mag ihn. Er ist normal. Wirklich kein singender Knäckebrotverkäufer.

Friedrich Liechtenstein Songs: Strawberry Red und Pan Am

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