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Auf ein Mittagessen mit Marcus Wiebusch

Marcus Wiebusch: „Moral ist das, was mich von den Leuten trennt.

 

Die Botschaft ist eindeutig. Wiebusch in „Der Tag wird kommen“:

„… All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater, all ihr Forums-Vollschreiber, all ihr Schreibtischtäter, all ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen, all ihr Bibel-Zitierer mit euerm Hass im Herzen, all ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner, all ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer, kommt zusammen und bildet eine Front, und dann seht zu, was kommt …“

Ich spule zurück. Eigentlich begann die Story in 2002, Herbst in Hamburg, ich im Zivildienst. Kettcar war damals ein Geheimtipp und meine musikalische Prägung war noch nicht abgeschlossen. Ihre erste Platte gab wieder, was viele damals nur so dachten und mal am Rande sagten. Darum verstand man die Hamburger auf Anhieb und irgendwie blieben sie über Jahre im Ohr und sie rutschten weiter, immer tiefer in den Bauch. Platten und Konzerte reihten sich aneinander, sie gehörten schon bald an die Elbe wie die Landungsbrücken, denen sie einst selbst huldigten.

Was aber blieb wirklich hängen, im Kopf und im Bauch? Meine Antwort: Ihre Ehrlichkeiten, ihre Bodenständigkeiten, ihre Sensibilitäten für schwierige Lebenslagen, verpackt in Geschichten, die alle, die sie hörten, als ihre eigenen verkauften. Weil sie sich in den Liedern verloren. Und nie wieder auftauchten. Ich selbst wollte nicht mehr zurückkehren.

Ich schrieb also diese Mail. Und bekam eine knallharte Absage. Monate vergingen, bis zu dem Abend, an den ich mich vor lauter Wein nur noch wenig erinnerte. Der Alkohol machte Mut und schlug ein gemeinsames Essen vor. Und dann kam der Tag, an dem sich die Stimme, die die Menschen durch den Spiegel in die Realität lockte, verselbstständigte. Mit einem eigenen Album und neuen Geschichten. Seither wurden wieder Menschen vermisst. Und ich bekam ein Mittagessen, an das ich noch lange denken werde.

Weil ich wieder einen Menschen kennenlernte, der nicht Musik machte, um nette Geschichten zu erzählen. Es ist sein Werkzeug, um Konventionen aufzubrechen. Wenn es sein muss sogar mit der sprachlichen Gewalt seiner Worte.

Ich: Marcus Wiebusch vs. Kettcar, Kettcar vs. Marcus Wiebusch. Wo ist da der Unterschied? Am Klang der Stimme kann es nicht liegen.

M. Wiebusch: Nein, die kann ich ja nur sehr schwer verändern. Der große Unterschied ist, innermusikalisch betrachtet, dass ich mich etwas getraut habe, was ich bei Kettcar vielleicht so nicht ohne große Diskussionen hätte durchbringen können. Ich wollte mal weniger über Musik reden, sondern mehr machen. Was man, von außen betrachtet, wahrscheinlich wenig versteht. Aber innerhalb eines Bandkontextes wird auch immer sehr viel über Musik geredet und verhandelt und diskutiert. Ich wollte mal wieder schneller zu Ergebnissen kommen. Und Sachen ausprobieren, wie den Sprechgesang, ein paar epischere Arrangements, die Trompeten, den elektrophilen Sound.

Ich: Wie hast Du es Deiner Band erklärt?

M. Wiebusch: Da habe ich nur angedeutet, dass ich keine Lust mehr auf Diskussionen habe. Mein Terminus war, ich bräuchte mal etwas mehr Zeit für meine Kreativität und möchte es alleine machen. Gespürt haben das alle, weil die letzte Kettcar-Platte auch nicht ohne Spannungen ablief. Künstlerisch haben wir sie noch gut in den Hafen geführt. Bevor ich es der Band gesagt habe, tauschten mein Bruder und ich uns sehr viel aus. Der war, ehrlich gesagt, froh, dass wir auch mal eine Pause machen. Noch mal diese Mühle ‚Album, Promotion, Tour, Album, Promotion, Tour…’ hätte er auch nicht gut gefunden. Jetzt haben wir Abstand zueinander.

Ich: Du hast ja bisher eine Menge Interviews zu Deiner Platte gegeben. Gibt es etwas, was man Dich bisher nicht über das Album gefragt hat?

M. Wiebusch: Ganz profan kann man sagen, dass einige Songs ganz gut untergehen, die das vielleicht gar nicht so verdient hätten. Aber ich jammere nicht, warum so ein Song wie ‚Wir waren eine Gang’, der für mich eine relative Tiefe transportiert, untergehen. Oder der Song ‚Off’. Ich könnte viel berichten, aber wenn es nicht interessiert, dann ist es halt so.

Ich: ‚Wir waren eine Gang’ nehme ich als autobiografisch wahr. Marcus Wiebusch und Freunde über den Verlust von Idealen. Oder?

M. Wiebusch: Der Song ist für mich selbst hochgradig ambivalent und auch leicht verstörend. Als ich den Song schrieb, war ich selbst sehr durcheinander, weil ich nicht einordnen konnte, was der Song da mit mir machte. Also es ist so: ich komme aus politisch linken Zusammenhängen. Hab Zivildienst gemacht und bin von zu Hause aus- und in ein alternatives Wohnprojekt eingezogen. Das war ja Anfang der Neunziger der Trend – gib den Besetzern Verträge und lass sie Wohnprojekte machen. Mein damals bester Freund kam auch aus dem linken Umfeld und wir waren beide der Überzeugung, dass es völlig richtig sei, etwas gemeinschaftlich zu machen. Wir leben heute in so individualisierten Zeiten, dass sich heute keiner mehr vorstellen kann, dass man auch mal was zusammen gemacht hat. Im Lied mache ich mich etwas despektierlich darüber lustig, weil diese herbeigesehnte Gemeinschaft, diese ersehnte Zusammengehörigkeit gar nicht wirklich vorhanden war. Wir waren irgendwann keine Gang mehr, sondern wollten nur noch etwas zusammen machen. Aber schau Dir die Lebensentwürfe heute an, die wir eingegangen sind. Wir haben uns alle verloren. Und dieses Spannungsfeld, das Verklären von Vergangenheit und das Verlieren von Idealen, ist der Kern des Liedes. Keinesfalls hundertprozentig autobiografisch. Das habe ich mir natürlich ausgedacht. Aber die Verstörung ist geblieben.

Ich: Wie sieht so ein Universum aus, wenn man eine eigene Platte produziert? Wer ist Sonne, wer Erde, wer Mond? Wer dreht sich um wen? Hast Du Blut und Wasser geschwitzt oder war es eher Anwendung dessen, was Du eh am besten kannst?

M. Wiebusch: Ein bisschen war das so – wie Letzteres. Ich bin jetzt nicht großartig anders an Songs herangegangen oder an den kreativen Prozess des Songwritings. Es fußt alles auf diesen einen Moment, ich nenne ihn immer ‚auf der Bettkannte mit der Akkustikgitarre’. Oder wenn Du irgendwo bist und es Dich plötzlich anspringt. Ich spüre mittlerweile sehr deutlich, wenn ich einen emotionalen Kern getroffen habe, wie zum Beispiel bei ‚Der Tag wird kommen’. Dieser Moment kann überall passieren. Alle Antennen sind dann ausgefahren. Das kann auf dem Weg zum Studio sein, beim Herumlaufen in Ottensen oder im Buchladen. Und ich versuche nachzudenken über das Leben oder auch tagespolitische Themen. Und dann kommt irgendwas bei heraus.

Ich: Ich las einen Satz, den Du in einem Interview gesagt hast: „Moral ist das, was mich von den Leuten trennt.

M. Wiebusch: Ja, es ging um die, wie ich finde, überzogene Kritik der SPEX über den Song „Der Tag wird kommen“. Der Autor meinte, ich wäre moralisch und hätte mit den Zeigefinger erhoben. Und ja, ich finde den Song hochmoralisch. Ich sage Dir auch: Jeder politische Song ist moralisch. Jeder dieser Songs will was. Und warum? Weil sein Autor nämlich erkennt, was los ist und den Willen zur Veränderung anstacheln möchte. Und das kann nun mal nur moralisch sein. Und so ist das auch in diesem Song, weil es da draußen immer noch keinen aktiven Fußballprofi gibt, der sich traut, sich zu outen. Und das ist unfassbar. Und nur das wird kritisiert. Und diese Faktoren benenne ich – all die homophoben Vollidioten, all die Funktionäre, all die harten Herdentiere. (Marcus Wiebusch hat dazu ein Crowdfunding-Projekt gestartet. Jetzt teilnehmen!)

Ich: Haben die Leute heute weniger Moral? Haben sie zu viel?

M. Wiebusch: Gibt es zu viel Moral oder zu wenig? Weder noch. Es gibt nur zu wenige Leute, die für ihren moralischen Standpunkt einstehen und ihn gut begründet darstellen können. Und sich nicht in Oberflächlichkeit abarbeiten. Ich fände es besser, wenn sich Leute im gesamtgesellschaftlichen Diskurs einfach stärker positionieren würden. Für Sachen. Ganz besonders FÜR Sachen. Und es sich nicht erst einmal gemütlich machen und die allgemeine Meinung abwarten würden. Ich finde auch den Begriff des Gutmenschentums zum Kotzen. Der Begriff wird so dermaßen inflationär benutzt, dass ich jedes Mal, wenn mir damit jemand kommt, den Revolver entsichere. Weil es entweder zynische Wracks sind oder Rechte, also Konservative, die eigentlich gar nicht wollen, dass sich etwas im fortschrittlichen Sinne zum Positiven verändert. Ich finde schon, um auf Deine Frage zurückzukommen, das die Leute moralischer werden und sich einschalten könnten in die gesellschaftlichen Debatten. Aber das immer in einem wohlbegründeten Rahmen und offenen Austausch. Was ich so bitter finde: Es liegt doch alles vor uns. Das Internet gibt uns so viele Chancen! Demokratische Teilhabe, Meinungsbildungsprozesse …! Wir könnten so gute und offene Diskurse führen. Probleme könnten erörtert werden. Aber durch eine vermurkste Netzkultur fällt das natürlich schwer.

Ich: Meine letzte Frage wäre mal eine einfachere. Du müsstest eine Spotify-Liste erstellen. Welche Songs sollten dabei sein?

M. Wiebusch: Meine Top10?

Ich: Zum Beispiel.

M. Wiebusch: Du weißt, dass über solche Fragen auch mal schön lange nachgedacht wird.

Ich: Ja.

M. Wiebusch: Das finde ich auch so geil bei dem Film „High-Fidelity“. Zu allem immer eine Top 5 … Ich könnte Dir meinen musikalisch wichtigen Kosmos nennen, den ich jetzt immer nenne. Da wären Songs von Elliot Smith, der wahnsinnig wichtig war für meine musikalische Sozialisation am Ende vom Punk. Bruce Springsteen ist wahnsinnig wichtig. Dann Nils Frevert, Blumfeld, The National oder auch Phoenix. Im Zuge der Albumproduktion hab ich auch sehr viel HipHop gehört. Das wären sie auch schon.

Ich: Eine stark erkennbare Richtung – Songwriter mit vielen spannenden gesangvollen Geschichten.

M. Wiebusch: Genau. Weil die über Geschichten was klarkriegen.

Ich: Vielen Dank für das spannende Mittagessen!

M. Wiebusch: Ja, cool!

Ich gebe zu: Ich musste das Gespräch kürzen. Nicht weil das über eine halbe Stunde laufende Interview langweilig war. Ganz im Gegenteil. Niemand will Leser überfordern. Nur das Hören macht selig.

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