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Auf ein Telefonat mit Wolfgang Müller

Wolfgang Müller: „Das denke ich, das sage ich und das bin ich“

Ich halte immer noch das Album in der Hand. Ich trage immer noch das Bandshirt seines letzten Albums. Manchmal, nein, gerade jetzt im Herbst, schleiche ich auf meinem Weg zur U-Bahn über Blätterteppiche mit seinen Klängen in meinen Ohren.

Dabei schraubt er und schreibt er Blüten zurück an die Bäume und hängt Wolken an Himmeln auf. Manchmal steht er alleine in seiner eigenen Bahnhofshalle, zwischen zwei Zigarettenzügen und alle Gestalten um ihn herum sind verwischt und stumm. Singt von der Sehnsucht, die doch nur die Sucht ist, sich zu sehnen. Und fragt sich, was ein Traum macht, den gerade keiner träumt. Dabei ist alles unterschiedlich schwer.

Sein seelischer Schluckauf ist ansteckend. Für mich. Und für andere. Und dann, wenn ich die mitfahrenden Gesichter in der morgendlichen U-Bahn betrachte, sehe ich seine „Vögel, im dunklen Käfig aneinander gedrückt, wie Lastwagen, nachts auf der Autobahn, wo einer an dem anderen hängt, wie zwei Wörter im selben Satz, wo das eine ohne das andere nicht wirklich einen Sinn macht“.

Das machte mich neugierig. Lange musste ich (sehr gerne) darauf warten. Endlich habe ich ihn sprechen können: Wolfgang Müller, Singer/Songwriter aus Hamburg. Er steht an der Schwelle der Veröffentlichung seines neuen Albums. Okay, so ist das als Musiker. Aber diesen Moment gäbe es nicht, wenn da nicht Hunderte von Fans und Jünger seiner Musik gewesen wären, denn…

Ich: Nur noch 30 Tage bis zum Release Deines neuen Albums. Wie fühlst du dich? Was geht Dir gerade durch den Kopf?

W. Müller: Was fühle ich? Ich denke viel darüber nach, ob das Album gut ankommt oder ob es verpufft. Also ich hoffe, dass es wirklich vielen Leuten gefällt und dass es natürlich ein kleiner Erfolg wird. Wenn man so viel Arbeit da hineingesteckt hat und so viel Unterstützung auch hatte wie über Startnext, dann hofft man schon, dass am Ende etwas Gescheites bei herausgekommen ist und dass andere Leute das auch so sehen.

Ich: Du hast sicherlich auch den „Hausfrauentest“ gemacht, oder?

W. Müller: Was ist der Hausfrauentest?

Ich: Leuten, die nicht beteiligt waren, Deine Songs vorgespielt und ihre Meinung erfragt.

W. Müller: Klar, nahen Freunden, weil die in gewisser Weise auch mit drinstecken. Aber wirklich neutralen Menschen habe ich es noch nicht vorgespielt.

Ich: Du hast erfolgreich Geld mit Startnext gesammelt, wie Du schon erwähnt hast, um das Album realisieren zu können. Hat der Erfolg dessen nicht einen extrem großen Erwartungsdruck nach sich gezogen?

W. Müller: Ähm, nee, das nicht. Dass ich jetzt nicht den kompletten Schrott abliefern würde, dessen war ich mir eigentlich relativ sicher. Und das finanzielle Risiko jedes einzelnen ist ja doch relativ beschränkt. Wenn mir jetzt ein Einzelner das Geld gegeben hätte, dann wäre der Erwartungsdruck deutlich größer. Aber so bewegt sich das ja im Bereich, was man auch mal für einen Kaffee ausgibt. Von daher, dass ich diese Erwartungen erfülle, war ich mir deutlich sicher.

Ich: Und letztlich hast Du ja damit auch Leuten ein Teil des neuen Albums sein lassen dürfen.

W. Müller: Ja, wenn man das so betrachtet, dann stimmt das.

Ich: Ich habe Dich im letzten Jahr im Uebel&Gefährlich als den „Lone Music Man“ gesehen, beim Auftritt mit Yasmine Tourist. Als den sehnsüchtigen, notorisch einsamkeitsliebenden, aber auch lehrreichen Singer/Songwriter. Wie spiegelt sich das in den neuen Songs wieder? Gibt es eine Message?

W. Müller: Nee, das Thema Einsamkeit ist da nicht wahnsinnig vertreten. Alleine bin ich auch nicht, sondern größtenteils mit Band. Das heißt, den Aspekt findet man da nicht wieder. Es geht da eher um – wie der Albumtitel auch sagt – die Unruhe, über die Brüchigkeit innerer und äußerer Umstände. Aber das zu beschreiben… also es gibt jetzt keine Message, die sich quer durch das Album zieht, würde ich sagen. Das ist eher ein Themenkomplex, der immer wieder beleuchtet wird von verschiedenen Seiten.

Ich: Aber Du hast Deinen Stil neu erfunden, oder? So steht es zumindest auf Deiner Website.

W. Müller: Ich weiß nicht, ob andere das auch so sehen. Mein Stil ist schon noch erkennbar. Ich habe das eher auf das Inhaltliche bezogen als auf das Musikalische. Das bewegt sich, würde ich sagen, schon noch in den gleichen Sphären. Es ist nur ein bisschen rauer geworden.

Ich: Ich habe Phasen, in denen ich Deine Platten lange nacheinander höre, weil sie meine Stimmung reflektieren. Wie geht es anderen beim Hören Deiner Musik? Was sagen sie, wenn sie mit Dir über Deine Musik sprechen?

W. Müller: Also ich treffe sehr selten Leute, mit denen ich tatsächlich über meine Musik spreche. Also zumindest keine Fremden, weil ich die Konversation darüber oft scheue. Weil ich das… Wie soll ich das sagen? Ich finde es oft schwierig, weil jeder seinen eigenen Film im Kopf hat bei Musik. Gerade wenn das so emotional aufgeladene Musik ist, wie ich sie mache, dann identifizieren sich die Leute sehr schnell damit und sie entwickeln oft das Gefühl, dass sie mich kennen. Und sie reden dann auch so, als ob sie mich kennen, aber was natürlich nicht der Fall ist. Und es ist dann manchmal schwierig, das wieder ins richtige Licht zu rücken. Deswegen meide ich solche Gespräche häufig.

Ich: Du bewahrst also eine gewisse Distanz?

W. Müller: Natürlich wahre ich Distanz. Es ist ja, auch wenn es autobiografische Aspekte hat, trotzdem noch ein Kunstprodukt. Oder ein Umriss oder eine Vereinfachung von deutlich komplexeren Themen und Sachverhalten. Ganz oft aber wird es für „Eins-zu-Eins“ genommen, so im Sinne von „Das denke ich, das sage ich und das bin ich“. Das stimmt natürlich auch ein Stück weit, aber es gibt natürlich auch noch Tausende andere Dinge, die ich denke und fühle, die nicht darin vorkommen. Die würden ein ganz anderes Bild ergeben. Deswegen ist eine Diskussion zu führen, über die Musik an sich und was die für jeden einzelnen bedeutet, was sie für mich bedeutet, vergeblich. Was aber völlig okay ist. Das ist ja auch der Sinn des Ganzen, dass jeder seine eigene Lebenswelt und seine eigenen Erfahrungen und Gefühle darin wiedergespiegelt sieht. Und ich glaube nicht, dass ein Song für jeden Menschen, egal wem, genau dasselbe bedeutet oder ihm dasselbe gibt oder sagt.

Ich: Eine letzte Frage habe ich noch. Die bezieht sich auf Nils Koppbruch. Er war ebenfalls ein großartiger Musiker. Wie behältst Du ihn in Erinnerung?

W. Müller: Ich behalte ihn in Erinnerung als jemand, der mir jeden zweiten Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad entgegen gekommen ist und immer sehr nett gegrüßt hat und ab und zu angehalten hat und wir uns unterhalten haben. Das war auch unser hauptsächlicher Kontakt. Und ich behalte ihn als einen sehr, sehr liebenswerten Menschen in Erinnerung

Ich: Vielen Dank, Wolfgang, für das Telefonat!

Und es stimmt doch. So sind sie, die Leute mit der Gitarre, die Blüten an die Bäume schrauben und Wolken an den Himmel hängen. Sie leben irgendwo unter uns, machen unseren Alltag etwas leichter (oder unterschiedlich schwer) und sind einfach da. Und das ist gut so.

2 Comments

  1. Nina Nina

    Ein sehr schönes Interview, dass die Vorfreude auf das neue Album steigert. Danke!

    • flocke_hh flocke_hh

      Vielen Dank, Nina! Ich freu mich nun auch noch viel mehr auf die neue Platte. 🙂

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