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Auf ein Telefonat mit Dominik Gerwald (Yasmine Tourist)

Dominik Gerwald, Copyright 2010 by Andreas Brenner
Dominik Gerwald, Copyright 2010 by Andreas Brenner

Dominik Gerwald: „Neil Young beschrieb es mit ‚Warten vor dem Kaninchenloch’“

Sie ist mir wohlgesonnen. Sie pflastert meinen Weg mit ihren Noten. Einmal in ihrem Sog gefangen, sehe ich sie in allem, was sich bewegt. Sie wabert durch meine Gehörgänge und lässt mich nie los. Eigentlich ist sie eine Droge – einmal angefixt, tue ich seitdem alles für ihre paar wohltuenden Klänge, brauche die fieberne Trance, um mein Inneres sortieren zu können: die Musik der Singer-Songwriter dieser Erde.

Sie können Weichspüler sein, die alles etwas leichter erscheinen lassen. Stehe ich in der U-Bahn, ölt jede ihrer Textzeilen meinen Tag, nimmt die Reibung aus dem, was sich Leben nennt. Sie sind die größten Sklaven ihrer Kunst und gleichzeitig ihre größten „Leidwesen“. Die Loser und Chaoten füllen ihre Songs mit Leben, bilden die Schnittmenge für Identifikation – wir sind erschüttert, wenn ihre liedliche Weisheit wie ein Kleid über uns gestülpt werden kann und plötzlich erkennen wir: Es passt.

Und meistens steht es uns gut, das Kleid aus Leid, Klage, Verdrossenheit, Ablehnung, Schmach, Sehnsucht, Müdigkeit, Einsamkeit, Dissidenz, Abnormität, Undankbarkeit, Verlust, Schmerz… na ja… aber doch auch die Broschen aus Stärke, Lust und vielleicht auch mal glücklichen Tagen. Alles ein Summenspiel und Lebendigkeit als Ergebnis. Die Rechnung geht auf.

Neulich sahen Kathrin, Angela, Markus und ich ein Stück Lebendigkeit auf der Bühne im Uebel & Gefährlich: Yasmine Tourist und Wolfgang Müller. Über 400 Seelen hielten ihren Atem an, geschlagene zwei Stunden, als man glauben mochte, Neil Young, Eddie Vedder, Damien Rice, Bon Iver und William Fitzsimmons gaben sich die Gitarre in die Hand.

Wochen später verkündet Yasmine Tourist die Aufnahme ihrer Studioarbeit für ein neues Album und ich erinnere mich wieder an den Gänsehautabend im Musikbunker. Ein paar Sekunden später wähle ich die Nummer von Yasmine Tourist Sänger Dominik Gerwald, um mich über den Fortgang der Arbeit zu erkundigen.

Mein Telefon wählt, tutet und tutet.

D. Gerwald: Hallooooo…

Ich: Hallo Dominik, wie ist die Stimmung im Studio? Wo bist Du gerade?

D. Gerwald: Ich bin gerade aus Berlin zurück, von der ersten Session. Die Stimmung ist super, mit der Basis (Rhythmusgruppe, zweite Gitarre) sind wir bereits durch. Auch ich habe schon ein paar Gitarrentracks im Kasten. Die melodieführenden Instrumente kommen ab jetzt oben drauf. Uns war wichtig, dass zumindest das Grundgerüst live eingespielt wird. Am liebsten hätten wir alle Instrumente live gemacht, aber dafür konnten sich beim besten Willen nicht alle die Zeit nehmen. Ist schwierig bei sechs Leuten, von denen jeder noch mindestens einer anderen Beschäftigung nachgeht/nachgehen muss. Die Arbeitsatmosphäre ist auch mit den Freunden vom Popschutz-Studio sehr, sehr angenehm und konzentriert. Abends wird dann auch mal ein Drink zusammen genommen. Also alles so, wie es sich gehört. Wir genießen es.

Ich: In diesen Tagen schlägt mein Herz bis zum Hals, wenn ich mir Filme von Radiohead ansehe, die sie bei ihrer Studioarbeit gedreht haben (Scotch Mist). Vertragt Ihr Euch (noch)? Wann geht Ihr Euch an die Gurgel bei Eurer kreativen Arbeit?

D. Gerwald: Wir haben uns von vorn herein gesagt, dass das Wichtigste ist, nicht zu vergessen, warum wir alle dort sind: Weil wir ein tolles Album aufnehmen wollen. Das ist ein Traum, den wir gemeinsam haben. Also arbeiten wir auch gemeinsam daran, und nicht gegeneinander. Falls die Stimmung mal gereizt wird, wird einfach eine Pause gemacht, in der sich jeder ein bisschen abkühlen kann. Und bis dato gibt es auch noch keine Reibereien.

Ich: Wer bestimmt den Ablauf auf bei Euch?

D. Gerwald: Das letzte Veto in vielen Fragen habe ich. Trotzdem wird natürlich im Kollektiv überlegt und entschieden, was sinnvoll fürs Weiterkommen ist.

Ich: Wie gestaltest Du Deine Kreativität? Wie schreibst Du Eure Songs? Ich kenne ein paar Musiker, die das Leid suchen, um die Erlösung zu finden (klingt pathetisch, ist aber so).

D. Gerwald: Neil Young hat das immer mit dem „Warten vor dem Kaninchenloch“ umschrieben. Keith Richards dagegen hat es mit Angeln gehen verglichen. Ich bekomme eine Grundidee, egal wie, wann oder wo. Das kann in der Straßenbahn sein oder vor dem Aufstehen. Wenn es eine gute Idee ist, bleibt sie mir im Kopf und kommt immer wieder. Ich zeichne sie bis dahin nicht auf. Erst, wenn das Gerüst drumherum konkreter wird. Die Idee ist der Köder, mit dem man zu arbeiten hat. Das Setting, in das man sich dann begibt, ist vergleichbar mit dem Wetter und dem Wellengang. Blablabla… (er lacht) Nein, ernsthaft: Sobald eine Idee existiert, muss man ihr Zeit geben und sich immer mal wieder um sie kümmern. Dann kann sie wachsen. Alles andere ist Brechstange. Ich glaube nicht an erarbeitete Songs. Die sind eigentlich immer scheiße und man erkennt sie auch sofort.

Ich: Wie ist das Essen zur Zeit? Ich las Euren Catering Rider und muss gestehen: Ich dachte, Ihr müsst Euch das Essen beim Konzert noch erst erspielen…

D. Gerwald: Das Essen wird immer besser (er lacht wieder). Ich bin der Meinung, dass ein Veranstalter dafür zu sorgen hat, dass sich alle am Programm Beteiligten wohl fühlen. Und da gehört für uns auch etwas zu essen dazu. Wir haben aber auch schon Gigs gespielt, wo wir nichts zu essen bekommen haben.

Ich: Besonders spannend fand ich den Hinweis über Deine veganen Kollegen. Bist Du einer?

D. Gerwald: Ich esse auf Tour gerne vegan, weil es meist leichtere und bekömmlichere Kost ist. Außerdem lohnt es sich bei zwei Personen (unser Bassist ist Veganer) für den Veranstalter eher, etwas Richtiges zu kochen.

Ich: Hat man Dich schon mal mit Damien Rice oder Eddie Vedder verglichen? Ehre oder Beleidigung?

D. Gerwald: Haben beide schöne Stimmen. Aber verglichen hat mich mit ihnen (zu Recht) noch niemand.

Ich: Sie sind Fliegen. Wir sind Vögel. Schlachtruf?

D. Gerwald: Nein, das muss sich nicht einmal auf uns beziehen. Nur folgender Gedanke: Manche Vögel fressen Fliegen. Und wenn die Vögel gestorben sind, werden sie von Fliegenmaden gefressen. Ich denke, das erklärt genug.

Ich: Ich werde darüber nachdenken. Aber bis dahin: Deine Top 5 Songs für heute?

D. Gerwald: 1. Bill Callahan – „Riding For The Feeling“, 2. Craft – „I Want To Commit Murder“, 3. King Crimson – „Starless“, 4. Lana DelRey – „Video Games“, 5. Bonnie Prince Billy – „With Cornstalks Or Among Them“

Ich: Vielen Dank, Dominik, und bis bald!

Ich verkrieche mich wieder unter meine Kopfhörer, während sich mein Blick von den Mitreisenden abwendet und nach draußen auf das vorbeziehende Hamburg gleitet, unterbrochen von Haltestellen mit Fratzen, die nur eigentlich mal wieder eines brauchen: die Musik der Singer-Songwriter dieser Erde.

 

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