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Auf ein paar schriftliche Fragen mit Thees Uhlmann

Thees Uhlmann, Bild von Ingo Pertramer
Thees Uhlmann, Bild von Ingo Pertramer

Thees Uhlmann: „Nur wer sich siezt, kann sich später duzen.

Ich lese viel über den Tod. Nein, er verzückt mich nicht und todeswehmütig oder gar scharf auf ihn bin auch nicht. Aber seien wir ehrlich – er begleitet uns ja täglich. Machen wir nur den Fernseher an, schlagen die Zeitung auf, surfen im Internetz. Es gibt kaum eine Ecke, die er nicht prägt. Auf seine Weise.

Auf unsere Weise suchen wir seine Sympathie, nach einem kleinen ersten Tänzchen, bevor der letzte Walzer ansteht. Der Rhythmus ist gut, seine Melodie hat Konzertwert. Und irgendwie hört es sich nicht so schlecht an. Denn man tut ihm bei weitem mehr Unrecht, als ihm zusteht. Okay, er ist launisch, taktiert, unberechenbar. Er gilt zuweilen als Erlösung, anders herum auch als Strafe.

Ob er Humor hat? Was isst er zum Frühstück? Hat er Blähungen? Verträgt er Tequila? Mit Zitrone und Salz? Ich stelle ihn mir vor. Ich versuche es. Weit komme ich nicht. Nicht so weit wie Terry Pratchett, Sascha Niedlich oder seit neuestem auch Musiker und Heute-Jetzt-Auch-Autor Thees Uhlmann.

Letzterer erweckt mit seiner Tod-Figur im Buch „Sophia, der Tod und ich“ einen Charakter zum Leben, die mich irgendwie an Armin Rohde erinnerte. Das behielt ich für mich. Bis jetzt. Doch er wirkte wirklich sympathisch, menschlich, lustig, vertraut. Held halt. Ein Grund, mal mit Thees Uhlmann zu sprechen.

Ich kontaktiere ihn mit Einschränkungen: nämlich schriftlich und ganz ohne Telefon. Es brach mir das Telefonherz. Lustig war es trotzdem. Endlich konnte ich die Fragen so stellen, dass keine vorgefertigten, respektive auswendig gelernten Antworten verwendet werden konnten. Ich erzielte eine Wirkung…

Ich: Welche Frage hat man Dich in Interviews zu Deinem Buch bisher noch nicht gefragt?

Thees U.: Ich möchte mal mit einer Sache aufräumen. Diese Fragen, wie häufig man schon irgendwas gefragt wurde oder was man noch nie gefragt wurde, sind völlig uninteressant. Bei bestimmten Sachen ergeben sich ja einfach bestimmte Fragen. Und da dann gleich wieder den Künstler ins Zentrum zu rücken und nicht das Werk, finde ich fast boulevardesk, was nichts Schlechtes sein muss. Aber dem Werk ist es ja egal, wie häufig es gefragt wird, wie es war mit dem ersten Roman. Es geht nur um das Werk und nicht um den Künstler. Und wer da rumjammert oder das anprangert, hat seinen Job, meiner Meinung nach, nicht verstanden, nimmt sich zu wichtig oder ist einfach zu schwach. Die Fragen die mir noch nicht gestellt wurden, kenne ich gar nicht. Weil ich mich nicht wichtig nehme und sage ‚Oh das hat man mich bis jetzt vergessen, zu fragen’. Ich stelle mir diese Fragen auch gar nicht. Ich werde zu etwas wegen der Kunst, die ich tue, gefragt und dann antworte ich. Und das klappt zu 99 Prozent super. Aber mich dann noch hinsetzen und überlegen, was ich noch mal gefragt werden könnte, zu dem Kram … Nee, da mach ich lieber andere Sachen. So, das war jetzt eine lange Antwort auf eine simple Frage. Aber irgendwie denke ich da immer drüber nach und endlich habe ich mal darüber nachgedacht.

Ich: Hast Du ein Buch geschrieben oder eher einen langen Song? Vielleicht ein Album, das aus der üblichen Anzahl Songs besteht?

T. Uhlmann: Nein, es ist wirklich etwas völlig anderes, mehrere Songs zu schreiben oder ein Buch. Es gibt aber aus meinem Gehirn heraus eine Sache, die das ein wenig ähnlich macht: Ich trage immer eine Idee herum. Nennen wir sie den Satz ‚Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf’ zum Beispiel oder ‚Die Bomben meiner Stadt machen Boom’. Und das wandert so lange durch meinen Kopf bis daraus irgendwann ein Song wird. Beim Schreiben ist das zum Beispiel ‚Nur wer sich siezt, kann sich später duzen’.  Den Satz liebe ich über alle Maßen und dann will ich, dass der in dem Buch auftaucht und Sinn macht. Aber bis eben genau dieser eine Satz einen Sinn hat, dauert es eben mal zwanzig Seiten. Und zwanzig Seiten schreiben ist echt eine ganz andere Sache als einen Song zu schreiben.

Ich: Was war anders beim Schreiben des Buchs als bei einem Lied?

T. Uhlmann: Im Endeffekt alles. Der Song entsteht ja relativ schnell im Kollektiv der Band. Ich schreibe und texte ja mit Tobias Kuhn zusammen. Und dieses Schreiben war dann doch einfach, als wäre ich mit einer Tastatur alleine hinter den feindlichen Linien des Scheiterns abgeworfen worden, um dann im Einzelkampf den Gipfel des Buches zu erklimmen. Aber es war auch einfach im Nachhinein eine große emotionale Erfahrung, das alles alleine zu wuppen und weiter, immer weiter, zu schreiben. Da denkt man manchmal früh morgens auch einfach an Oliver Kahn. Weiter, immer weiter.

Ich: Wie ernährt man sich, wenn man ein Buch schreibt?

T. Uhlmann: Ich bin kein Fan von Extravaganzen bei Künstlern. Die ganz normalen Sachen eben. Speed, Pep, verschnittenes Koks unterer Qualität … Nein, wenn ich arbeite, halte ich gerne meinen Kreislauf oben und deswegen esse ich wenig und trinke Kaffee, damit es ballert.

Ich: Und wie kommuniziert man mit seinen Mitmenschen, respektive Kindern und Frau und Freunden?

T. Uhlmann: Ich will jetzt nicht nerven, aber man kommuniziert ganz normal. Wenn ich geschrieben habe, war das schon unnormal. Man ist wirklich sehr tief in die Welt abgetaucht, die man sich gerade ausdenkt. Das spielte jedoch, wenn ich mein Kind von der Schule abgeholt habe, keine Rolle. Es interessiert sie auch einfach nicht. Und abends in der Fußballkneipe will man da ja auch nicht gerade drüber reden.

Kumpel: „Wie läuft’s mit dem Schreiben?“

Ich: „Joah, geht so!“

Kumpel: „Und was heißt das?“

Ich: „Oh guck mal. Abseits! Spannend!“

Kumpel: „WO?“

Ich: Wann hattest Du das erste Mal die Idee, ein Buch zu schreiben? Wo warst Du da?

T. Uhlmann: Ich hatte nie die Idee, ein Buch zu schreiben. Andere kamen auf mich zu und meinten, ich könnte doch mal ein Buch schreiben. Das fand ich gut. Weil es Leute waren, die ich liebe und denen ich künstlerisch vertraue. Und wenn die dann sagen ‚ALTER JETZT SCHREIB ENDLICH MAL!’, dann glaubt man denen und muss sich nicht selber hochschwingen und sagen ‚Ich bin jetzt Autor’. Im Endeffekt habe ich nur Freunden einen Wunsch erfüllt mit dem Buch. Dass es jetzt so viele lesen, ist natürlich umso schöner.

Ich: Welchen Kilometerstein am Weg Thees-Uhlmann-Leben markiert das Buch? Midlifecrisis?

T. Uhlmann: ALTER BIST DU NICHT GANZ DICHT? WAS SIND DAS DENN FÜR FRAGEN? ALSO MEIN JUNGER JEDI … Ich sag Dir jetzt mal Eines: 30 zu werden fand ich irgendwie eine große Hausnummer. Gibt es mich noch in zehn Jahren? Will sich in zehn Jahren noch jemand mit meiner Kunst beschäftigen? Mache ich in zehn Jahren noch gerne Kunst? Werde ich davon leben können? Das waren Fragen, die mich mit 30 sehr beschäftigt haben. Und 40 zu werden, fand ich irgendwie sehr angenehm. Die offizielle Erlaubnis, nicht mehr cool sein zu müssen. Die offizielle Erlaubnis, zu den Jungen zu sagen ‚Macht jetzt mal euer Ding’. Und eine Midlifecrisis habe ich irgendwie auch nicht bekommen. Bis jetzt. Hurra! Heiter weiter und mit Schmerz vorwärts. Der Kilometerstein heißt „Mein erstes Buch“.

Ich: Der Tod als Figur hat schon einige Rollen in Büchern eingenommen. Die mir bekannteste kommt von Terry Pratchett. Der Tod als zynische Randfigur mit morbiden Zügen. Welche Beziehung hast Du zu Deiner Tod-Figur und zu Deinen drei Hauptcharakteren aufgebaut?

T. Uhlmann: Ich habe das beim Schreiben gar nicht so gemerkt, dass mir meine Personen ans Herz gewachsen sind. Das waren da nur so fixe Ideen. Ich wollte, dass die Frauen in meinem Buch stark und schlauer sind als die Typen, weil sich das mit meiner Realität deckt. Und ich wollte etwas Metaphysisches realistisch darstellen. Es fing dann an, dass ein Journalist meinte, er hätte sich in meine Sophia verliebt, was mich ein wenig eifersüchtig machte und wir beide uns dann unterhielten, wer denn besser wäre für Sophia, der Journalist oder ich, und er meinte dann ‚Herr Uhlmann, Sie sind doch so viel beruflich unterwegs. Das macht doch keine Frau lange mit’. Da musste ich ihm Recht geben. Da habe ich gemerkt, dass mir meine Personen etwas bedeuten. Naja, im Endeffekt ist das wahrscheinlich auch normal. Ich habe sie ja auch erfunden.

Ich: Wer war Vorbild für sie?

T. Uhlmann: Ich habe keine Vorbilder. Ich habe es genossen, das Buch so jungfräulich zu schreiben wie eine Nonne, die von der Oberin nicht beim schlimme Texte schreiben erwischt werden will.

Na gut, ich mag ihn ja trotzdem irgendwie. Seine Texte und seine Musik mindestens.

2 Comments

  1. Hi „mein junger Jedi“ ;-),

    ein wirklich interessantes Interview! Fand es sehr lesenswert.

    Liebe Grüße

    Benni

    • Herr Schleinig Herr Schleinig

      haha 🙂 danke, mein lieber!

      liebe grüße

      flo

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