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Auf ein paar wichtige Worte mit Enno Bunger

Enno Bunger: „Wo sind die Beschwerden?“

Ich stehe wie jeden Tag gerade am Rande des Internets. Ein Zeh taucht in Facebook, ein anderer twittert, der Dritte wechselt den SPIEGEL mit der ZEIT. Die anderen beiden Gliedmaßenteile starren in die digitale Weite. Träge, etwas zu unternehmen; gelähmt von der Menge des menschlichen Stumpfsinns, den jeder Internetbeitrag in Bewegtbild oder statisch als Botschaft verbreiten will.

Es dominiert, was uns in diesen Tagen am meisten bewegt: Menschen, die ihre zerstörten Städte, was sie Heimat nannten, verlassen, um eine Zukunft zu finden, in der sie überleben können. Sachlicher Fakt. Begleitet werden sie von Menschen, die in ihrer Angst Intervention und interkulturelle Kommunikation mit Hass und Ablehnung verwechseln (DAS ist der Stumpfsinn). Menschen, die glauben, ihre Privilegien morgen zu verlieren, wenn sie sich sozial verhielten (auch DAS ist Stumpfsinn). Menschen, auf die Michel Abdollahi trifft, wenn er sich mit einer Kamera auf den Straßen Deutschlands umblickt. Und das ist einfach nur [setzen Sie hier jedes Adjektiv ein, das jenseits des allgemein-gesellschaftlich-positiven Verständnishorizonts liegt]…

Michel: „Wie ist Ihr Verhältnis zu Ausländern?“ Der Passant überlegt und antwortet: „Ich hab nichts gegen die. (Pause) Aber ich möchte das mal so sagen: Äh, nach’m Kriech, `ne, da ha’m die Deutschen ihr Land alleine aufgebaut. Und wenn man die alten Bilder sieht, `ne, wie die Städte alle anne Erde gelegen ha’m, ja, da is’ keiner weggelaufen, vonne Deutschen…“

Das ist kein sachlicher Fakt mehr. Was auch immer es ist – es macht mich sprachlos. Doch nicht alle finden keine Worte, um zu beschreiben, welcher Riss, welcher Abgrund durch unsere Gesellschaft geht. Es gibt tatsächlich Leute, die in den Schlamm aus verdrehten Realitäten und falschen Wahrheiten waten, um nach ein paar Brocken Hoffnung zu suchen. Sie stehen nicht tatenlos herum. Sie nutzen ihr Talent, fahren Stapler oder sortieren Kleidung in den Hamburger Messehallen, bieten Sprachkurse oder helfen, neue Bleiben zu finden. Oder sie singen. Singen uns ins Gewissen, bestärken unseren Mut, hinterfragen, was uns bis vor kurzem allseits Werte und Normen verkörperten.

Enno Bunger ist so ein Sänger. Einer, für den der Regen bereits applaudierte. Einer aus Hamburg. Einer, der provozieren will, weil er weiß, dass Glück flüssig ist.

Ich kontaktiere Enno Bunger.

Ich: Enno, Dein drittes Album erscheint in den kommenden Tagen. Ich frage Dich mal als erstes, was man alle Musiker an solchen Meilensteinen fragt: Wie geht es Dir dabei jetzt?

Enno B.: Die schlimmste Phase ist zum Glück vorbei. Ich hab über zwei Jahre an diesem Album gearbeitet und bis zum letzten gesungenen Ton an den Texten geschrieben. Jetzt bin ich glücklich, freue ich mich wahnsinnig über das Ergebnis und will, dass jeder diese Platte hört.

Ich: Und wie würdest Du die Tiefe der neuen Scheibe beschreiben?

Enno B.: Ich war mal als Organist auf einer ziemlich traurigen Beerdigung einer sehr beliebten Frau im Dorf, und mitten im Gebet stand plötzlich ein Mädchen auf und schrie den Pastoren an: „Was soll Oma denn im Himmel? Die hat doch Höhenangst!“, und das war so unglaublich rührend, weil dadurch die Stille mit etwas Komischem gefüllt wurde, was dem Moment noch eine viel größere Traurigkeit verlieh. Daraus habe ich für mich gelernt: Wenn man ein großes Gefühl beschreiben will, muss man kleine Geschichten erzählen. Ohne Nähe und Weite gibt es keine Tiefe. Als Ostfriese weiß man: Je platter das Land, desto weiter der Horizont, und manchmal ist der höchste Berg eine Mülldeponie. Ich glaube, viele große Momente im Leben und in der Musik entstehen durch das Erkennen der kleinen Dinge.

Ich: Welche kleinen von Dir entdeckten Momente erwarten uns, wenn wir die Songs hören? Klingt der Regen dann wieder wie Applaus?

Enno B.: Tatsächlich wollte ich ein Album machen, dass meinen breiten Musikgeschmack vereint, was eigentlich unmöglich ist. Wichtige Einflüsse jedenfalls waren Daughter, The Acid, Bob Dylan, Peter Fox, Bruce Springsteen, The XX, Scooter, James Blake, Element Of Crime, SOHN, Dendemann, und Michael Jackson. Entsprechend kann jedes Stück einem anderen Genre zugeordnet werden. Beim letzten Album wurde ich nur über die Texte definiert, obwohl dort auch musikalisch viel passiert – vielleicht wollte ich mit diesem Album auch ein bisschen provozieren und mache jetzt eben Indie-Hip-Hop-Electronica-Post-Trance-Dub-Heartland-Folk-Rock-Balladen. Inhaltlich gab es kein festes Konzept, aber mit dem Albumtitel „Flüssiges Glück“ ein Oberthema. Damit ist unter anderem gemeint, dass man Glück nicht konservieren oder erzwingen, sondern nur erkennen kann, und ich teile mir selbst mit, wie ich das erreiche: indem ich bereit bin, für das, was mir wichtig ist, zu scheitern. Wenn man dann wieder aufsteht, kann man nur gewinnen. Irgendwann beim Duschen oder Abwaschen kommen mir dann manchmal so Postkartensätze in den Sinn: „Erst wenn ich meine Augen schließe, sehe ich rot“, „Hauptberuflich bin ich Flausenleger, manche Menschen muss man zu ihrem Glück drängen, sollten doch mal alle Stricke reißen, wird mich zumindest keiner erhängen“ „Wir gehen erst nach Hause, wenn wir wissen, wo das ist“. Nachdem ich leider den Bus für den 27er-Club verpasst habe, spielt auch die Zeit eine große Rolle: „Nichts ist für immer, aber alles für jetzt“ „Schlägst Du die Zeit tot oder so Dich?“  Sprachlich gibt es drei Mal mehr Text als auf der letzten Platte, und ich bin nicht mehr nur großer Freund der Melancholie, sondern auch der schlechten Laune, der Ironie und auch Freund des Friedhofwitzes „Sargkasmus“, und: ich setze einigen 90er-Jahre-Kindheitshelden Denkmäler: „Ich glaub, selbst Ludger Beerbaum fiel damals vom Pferd“ „Bei Deinem Augenaufschlag muss selbst Boris Becker stöhnen“ „Wenn man über beide Ohren das Verliebtsein definiert, diskriminiert das nicht Dumbo & Prince Charles“ „Bin von der Stille so taub, vom Schweigen ganz heiser, die Augen staubtrocken und leer. Bin von innen so grau wie außen Hans Meiser – ich glaube, ich fühle nichts mehr.“

Ich: Um die Entwicklung zu verstehen, wäre es wahrscheinlich gut zu wissen, wie Du eigentlich zur Musik gekommen bist. Wo hat Deine Entwicklungsgeschichte begonnen, wenn Du zurückblickst?

Enno B.: Ich bin als Kind in einem kleinen ostfriesischen Pupsdorf auf einem Schweinemastbauernhof neben einem Fußballplatz groß geworden und wollte Fußballer werden, eigentlich. Meine Mutter wollte das verhindern, weil sie meinte, dass die „alle nur saufen würden da“, und hat mich ans Klavier gesetzt. Ich war als Kind schon Popmusikfan, wollte im Alter von sechs Jahren dann Michael Jackson und Bruce Hornsby spielen. Mein holländischer Klavierlehrer behauptete, diese Musik würde es in Holland nicht geben, also müsste ich versuchen, das nach Gehör nachzuspielen. Mit 14 hatte ich dann erste Auftritte als Barpianist. Spätestens da hatte meine Mutter mich hoffnungslos an den Alkohol verloren.

Ich: Hoffnung, ein gutes Stichwort. Was macht Dich in diesen Tagen traurig?

Enno B.: Kai Diekmann und sein Schmierblatt. Erst Brandsätze legen und jetzt Feuerwehr sein wollen, indem man eine scheinheilige Flüchtlingshilfsaktion startet. Eigentlich finde ich das toll, dass sie etwas gegen Rassismus machen. Allerdings nach alldem, was da in der Vergangenheit geschrieben wurde, bin ich überzeugt: ohne Bildhetze wäre dieser ganze fremdenfeindliche Scheiß in Deutschland in dieser Dimension nicht passiert. Ob man will oder nicht, überall liegt und hängt diese Zeitung aus und macht Stimmung im Land, zu Gunsten ihrer Auflage, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Verluste. Und jeder kleine Kiosk, der das unterstützt, trägt zu der Stimmungsmache bei.

Ich: Mir geht dieser entstandene Zwiespalt in unserer Bevölkerung sehr nahe, wenn es um die Flüchtlinge geht, die bei uns Schutz suchen. Was ist Deine Botschaft? Was würdest Du gerne ändern?

Enno B.: Ich beschäftige mich seit ein paar Jahren mit dem NSU und dem Fall Oury Jalloh, weil mich das persönlich alles sehr bewegt hat. Ich hatte noch nie einen Funken Verständnis für Fremdenfeindlichkeit. Als dann vergangenen Dezember diese PEGIDA-Demos losgingen, habe ich mich gewundert, warum keiner meiner bekannteren Künstlerkollegen etwas dagegen sagt. Ich habe mich dann auf meiner Facebookseite aufgeregt über diese Demonstrationen und danach angefangen, mich in meinem ersten politischen Lied „Wo bleiben die Beschwerden?“ solchen Fragen zu stellen. Ich verstehe nicht, wie man Flüchtlingsheime anzünden kann, oder irgendeine dieser Aktionen gutheißen mag. Natürlich ist das eine gesellschaftliche Belastung für das Land, aber es ist doch völlig absurd: die Menschen, die gegen Flüchtlinge protestieren, haben Angst vor einer Parallelgesellschaft, die aber nur dann entstehen wird, wenn wir Flüchtlinge nicht willkommen heißen, sie nicht integrieren und sie nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen. Also, bitte, Arsch hoch, Arme auf, mitanpacken, Moin sagen und herzlich Willkommen!

Ich: Apropos Arsch hoch: Wo hast Du den Sommer verbracht? Was ist Deine Empfehlung für den hoffentlich kommenden Indian Summer?

Enno B.: Seitdem ich 15 war, hab ich einen guten Kumpel, mit dem ich immer gern segeln fahre. Hab mir schön den Kopf durchpusten lassen bei Windstärke 7. Hab dieses Mal nicht, wie zwei Jahre zuvor, den Fehler gemacht: damals bin ich bei Sturm kurz unter Deck, um mir eine Regenhose zu holen. Ich kam grün wieder hoch und hab nur noch gebrochen. Weil es nichts Schmerzvolleres gibt, als vier Stunden lang zu würgen, hab ich zum Glück noch eine farblich passende Dose Pringles Cheese&Onion gefunden, so dass ich wieder Stoff zum Brechen hatte. Was den Herbst betrifft, freu’ ich mich als Hamburger jetzt gerade auf Deutschlands derzeit wichtigste und versoffenste Musikmesse: das Reeperbahn Festival. Und wenn ich dann irgendwann wieder nüchtern bin, kommt am 8. Oktober dann mein neues Album „Flüssiges Glück“, und das muss dann auch schon wieder gefeiert werden. Ist schon echt hart, hauptberuflich Musiker zu sein!

Ich ziehe meine Jacke an und gehe zu den Messehallen rüber. Mit Kleidung in der Hand, die andere Menschen dringender brauchen als ich.

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