Skip to content

Auf ein Telefonat mit Antoine Monot, Jr.

Antoine Monot, Jr. (Copyright: Stefanie Zillesen)

Antoine Monot Jr.: “Ach, wir alle sind für uns die absoluten Giganten.“

Wir sind Narzissten. Keine Ausnahme. Wir sehnen uns nach den starren Augen anderer, gieren nach Blicken, als gäbe es für uns keine weitere Existenzberechtigung, außer für die Aufmerksamkeit unserer Mitmenschen.

Dann sind da Menschen, die sich dem verweigern wollen; jene, die es versuchen. Menschliche Mittelpunkte sind „No Go Areas“, Magnete für Schweißbäder und Hochpulsfrequenzen. Sie sind die Schattenwanderer, jene hellpigmentierten Wesen, die sich in ihrem hintersten Zimmerwinkel vor Spiegel stellen oder ihrem Verstand eine falsche Popularität aufzwingen. Gefangen in gedanklicher Berühmtheit, immer auf der Suche nach dem Mut, endlich wahren Mut zu zeigen. Derweil trainieren sie ihre Vorstellung darauf, schließlich in diesen Momenten zu funktionieren.

So in etwa beschreibe ich gerne meine Gruppenzugehörigkeit und verneige mich vor alljenen Größen, die zu Giganten heranwuchsen. Absolute Giganten. Sie kosten die richtige Momente bis zur Erschöpfung aus und gleiten bis zur besinnungslosen Verwechselung mit dem Spielcharakter in Ekstase. Sie sind die anderen.

Ein Schauspieler hat es mir dabei besonders angetan: Antoine Monot, einer dieser Absoluten Giganten oder auch als Walter aus dem gleichnamigen Film bekannt. Und weil er mal klein angefangen hat und Bühnenerfahrung sammeln musste, bevor er ein Großer wurde, und ich wieder einmal in der U-Bahn stehen, rufe ich ihn an und erkundige mich nach seinem ersten Zeitpunkt auf einer Theaterbühne.

Das Telefon wählt, tutet und tutet.

A. Monot Jr.: Hallo!

Ich: Hallo Herr Monot, können sie sich noch an ihre erste Szene erinnern, die sie je auf einer Bühne gespielt haben?

A. Monot Jr.: Auf einer Bühne? Meine allererste Bühnenerfahrung reicht in die Schulzeit zurück. Und da haben wir, glaube ich, ein Stück aufgeführt – da war ich acht, neun Jahre – das hieß „Pancake“. Und ich habe einen Koch gespielt. Wir haben das damals alles so ein bisschen selber gemacht. Das ging circa zwölf Minuten oder so und jeder hatte selber geguckt, was er mit seiner Rolle machen will. Ich dachte mir, wenn ich schon Koch bin, ich steh ja so mehr oder weniger an einem Ort, dann werde ich mir auf jeden Fall irgendeinen Grill besorgen oder etwas, das sich drehen lässt. Das war für mich klar. Und daran sollte dran befestigt sein, was ich gerade koche. Klar war aber auch, dass ich da jetzt kein Hähnchen oder etwas Echtes kaufen kann. Deswegen bekam ich von einem Wohnungsausstatter solche Brathähnchen, also Dekorationsmaterial für Schaufester, die ich an meinen Grill montiert habe, mit einer Schnur, weil ich die nicht aufspießen konnte. Und während der Aufführung drehte ich diesen Spieß und die Hähnchen wurden dann an diesem Faden aufgewickelt und fielen danach, oben angekommen, mit einem Plopp wieder herunter. Das sorgte für Lacher. Ich hatte zwar meine paar Sätze, aber ansonsten drehte ich da stumm an meinem Grill und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, was Komik ausmacht. Ich kam zum ersten Mal in Kontakt mit ihr und vor allem wie man sie herstellt.

Ich: Wie wird man daraus ein absoluter Gigant?

A. Monot Jr.: (er lacht herzhaft) Das ist eine gute Frage (und überlegt). Ja. Wie wird man ein absoluter Gigant? Ich glaube, in unserem Fall sind wir drei das für uns oder wir fünfzehn sind das irgendwie, also das sind Sebastian Schiffer und Florian Lukas, Frank Giering, auch wenn er nicht mehr unter uns ist, Frank Griebe, der Kameramann… Ach, wir alle sind für uns die absoluten Giganten.

Ich: Verfolgt sie die Rolle? Die war ja für sie die erste ganz Große.

A. Monot Jr.: Ja, genau. Na ja, die Rolle… Jetzt kommt die berühmte Frage: Was war zu erst? Huhn oder Ei? Verfolgt mich die Rolle oder verfolgt mich der Typ, also der Typus Rolle? Ich habe das mal grob umfasst mit dem liebenswerten Loser. Und das hab ich auch schon damals gespielt.

Ich: Wie hat sich der Deutsche Film, ihrer Meinung nach, seither verändert?

A. Monot Jr.: Es hat sich seither schon wahnsinnig viel getan im deutschen Film. Als ich anfing, ins Kino zu gehen – muss 1987, 1988 gewesen sein – da gab es irgendwie den deutschen Film alle paar Jahre als Otto-Film und das war’s. Aber da hat sich danach natürlich einiges getan. Es ist ja mittlerweile eine richtige Industrie geworden. Sei es im Fernsehen, sei es im Kinobereich. Das macht auch schon viel Spaß, Teil dieser Industrie zu sein. Sie ist seitdem auch spannender geworden. Als ich 1993 begann, zu drehen, war die ganze Branche für mich ein schwarzes Loch. Ich hatte überhaupt gar keine Ahnung, das war aber alles schon sehr aufregend. Das hat sich bis heute auch wahnsinnig verändert, die ganze Filmbranche. Sie ist professioneller geworden, es hat eine Verbreiterung der Basis gegeben. Inszwischen ist die Branche für mich auch kein schwarzes Loch mehr, sondern ein ziemlich gut vernetztes Loch mit vielen Menschen, die man zwangsläufig kennt. Das macht Spaß.

Ich: Wie formte Sie der Film „Das Experiment“?

A. Monot Jr.: Was damals sehr interessant war für uns alle, also in dem Film „Das Experiment“, es geht ja um Freiwillige, die sich melden und dann in einer Gefängnislandschaft in Wärter und Gefangene aufgeteilt werden und dort an diesem Experiment mitmachen. Das gab es ja wirklich an der Stanford University und sie testeten damals damit das Machtverhalten und Machtverhältnis in einer Gruppe. Sie untersuchten, wie Hass und Massenphänomene entstanden, auf andere Menschen, auf Gruppen von Menschen, wie schnell gerät man in eine Gewaltspirale. Was interessant war, ist, dass wir Schauspieler, die in Wärter und Gefangene aufgeteilt waren, irgendwann festgestellt haben, dass wir uns tatsächlich anfingen, uns so zu verhalten, also wie im Film. Ich selber gehörte ja der Gruppe der Wärter an. Wir fanden Schauspieler aus der Gefangenengruppe dann immer ein bisschen blöd (er lacht), so hinter vorgehaltener Hand. Wir sind auch abends getrennt weggegangen. Das fand zwar nur auf einem sehr feinen Level statt, aber es war das, das Verhalten.. Natürlich sind wir auch zusammen weggegangen, wenn es etwas besonderes gab. Aber man hat herausgespürt: Man blieb wirklich unter sich. Es war sehr spannend, was da mit uns passierte. Diese Studie wurde ja in dem Roman „Blackbox“ wiedergegeben, woraus dann der eigentliche entstand.

Ich: Welchen Film sollten die Leute gesehen haben/sollten sie sich unbedingt mal ansehen?

A. Monot Jr.: (er überlegt lange) Das ist jetzt eine gute Frage. Also ich glaube, ich kann nur das sagen, was ich in den letzten Jahren, ja mittlerweile sind es fast schon zehn Jahre, sehe. Das sind vor allem Serien und keine Filme mehr. Was ich jetzt gerade neu entdecke und da den Piloten gesehen habe, ist „Newsroom“ von Aaron Sorkin, der auch „Westwing“ gemacht hat. Und wenn es ein Film ist, sollte man sich den Film „The Cooler“ mit Alec Baldwin ansehen, den ich übrigens auch großartig finde in „30 Rock“. Aber meine absolute Lieblingsserie momentan ist „Modern Family“. Das ist die mit Ed O’Neill, ehemals Al Bundy. Die mag ich wahnsinnig und der Typ ist einfach großartig. Er ist gealtert und gereift – ganz toll. Er ist ein Urgestein. Ich erinnere mich: „Eine schrecklich nette Familie“ war mit eine der ersten Sitcoms in Deutschland, die aufkamen. In Amerika war das eine Parodie auf die Sitcoms. Und die Sitcoms damals in den Staaten, so 70er, 78er Jahre, waren immer so die heile Welt, am Schluss kamen immer alle zusammen und alles war gut. Und das war so ein Ausbruch und zwar „Eine schrecklich nette Familie“ war die Satire darauf. Ja und wir haben das recht schnell verwechselt mit: „Ah, das ist amerikanischer Humor.“ O’Neill ist einfach großartig geworden.

Ich: Vielen Dank, Herr Monot!

Ich legte auf und sehnte mich plötzlich nach einer Kamera. So scheu wie ich war, so neugierig wurde ich. Vielleicht sehe ich manche Mitmenschen nun aus einem neuen Blickwinkel. Vielleicht bin ich ja auch ein Narzisst.

Be First to Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.