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Auf ein Telefonat mit Markus Kavka

Markus Kavka, Copyright: Claudia Stülpner
Markus Kavka, Copyright: Claudia Stülpner

Markus Kavka: “Und im Nachhinein korrumpiert das dieses Fan-Sein.“

In unseren Köpfen geht ja mal allerhand ab. Da basteln die einen von uns ihre Einkaufsliste zusammen, denken sich neue Verschwörungsstrategien und Anti-Kollegen-Rachepläne aus. Die anderen sinnieren – während einer einfachen, sinnlosen U-Bahnfahrt – über die Gespräche ihres Lebens und dass sie davon noch gar nicht genug hatten. Dabei ersaufen wir oft in unserer Gedankenträgheit; wir schönfärben die menschlichen Begegnungen eines bis dato gelebten Lebens und sind uns sicher: Werden schon noch ein paar weitere kommen.

Wie wäre es mit dem Nachbarn von links unten, der immer seine Müllsäcke vor der Tür parkt? Nichts dagegen ist einzuwenden, wenn es nur nicht nachts wäre und der Zeitschalter des Treppenhauslichts nicht immer ausgerechnet dann ausläuft, wenn man auf der Ebene ist und man über die Säcke stolpert. Das Gespräch könnte vielleicht Zähne retten.

Ich habe schon oft in der U-Bahn gestanden und mir vorgestellt, eher die ganz Großen zu sprechen. Ihnen mal auf den Zahn zu fühlen, ihre Unwägbarkeiten und Geheimnisse zu entlocken (ungeachtet dessen, dass ich einer der ganz Großen bin – der großen Schüchternen, die sprachlich ungeschickt in jede verbale Falle tappen). Man trifft sich auf ein paar Drinks, irgendwo in einer szenigen Lounge, klatscht hier und dort ein paar hohe Fünfen ab und lässt sich dann locker ein paar Worte austauschend auf dem Ledersofa nieder. Auf die Idee kam ich damals, als man MTV noch wegen seiner Musikvideos und coolen Moderatoren einschaltete. Sie trafen in regelmäßigen Abständen James Hetfield & Co. mit ein Bisschen Smalltalk auf den Lippen. Nett anzusehen. Ein Traum, es selbst einmal zu tun.

Wie gut, dass es dann immer noch die richtigen Momente zur richtigen Zeit an den richtigen Orten gibt. So durfte ich erst kürzlich bei einer Lesung im Berliner Ballhaus einen der ehemaligen großen MTV-Moderatoren und heutigen DJ, Buchautor und Number One-Moderator kennenlernen: Markus Kavka. Wir verabredeten uns nach einem längeren Gespräch über Reisefreuden, Tausend Menschen treffen und wieder vergessen und Mariah Carey’s Welpenbändigung zu einem ausgiebigen Telefonat.

Dann stand ich neulich wieder in der U-Bahn und dachte, es wäre an der Zeit, mehr über Musikmoderation zu erfahren.

Das Telefon wählt, tutet und tutet.

M. Kavka: Hallo, Markus hier.

Ich: Hallo Markus, du bist, ich möchte mal sagen, für viele ein Jugendidol: einer der coolsten Moderatoren, die ganz nah an die großen Musiker heran durften. Kannst Du Dich noch an den ersten Musiker erinnern, den Du interviewt hat?

M. Kavka: Also mein allererstes Interview war mit Cassandra Complex. Die kennt wahrscheinlich heute keiner mehr. Das war so eine betagte Dark-Wave-Band aus England. Die fand ich damals richtig heiß. In voller Grufti-Montur bin ich da eingeritten, da war ich gerade 18 oder so. (er lacht) Und ich habe dann so ein ehrfürchtiges Interview gemacht. Mittlerweile weiß ich, dass das nicht geil ist, wenn man hingeht und vor den Leuten in den Staub fällt. Die denken sich dann auch: Was kommt’n da für’n Penner an? Also ich wusste schon Bescheid über die, aber bin fast vor Ehrfurcht erstarrt. Und ich habe dann auch so ganz kindlich-kindische Fan-Fragen gestellt. Alles, was man mittlerweile vermeidet. Demnach: Das war mein erstes Interview und das ging einigermaßen in die Hose.

Ich: War das schon immer dein Berufswunsch? Also Musiker zu treffen?

M. Kavka: Eigentlich wollte ich mit 14, 15 Jahren noch Profi-Fußballer werden. Aber da hat mein Bewegungsapparat nicht wirklich mitgemacht. Darum bin ich umgeschwungen auf den letzten Metern und habe brav mein Abi gemacht. Dann wusste ich auch schon, dass ich mal irgendwas mit Musikjournalismus machen wollte. War eine gute Lösung: Als 13-jähriger hatte ich tagelang vor dem Radio gehangen und Mixtapes aufgenommen. Ich fing recht früh an, meine Klassenkameraden zu missionieren, weil die, meiner Meinung nach, nur Scheißmusik hörten. Also habe ich tütenweise Platten in die Schule geschleppt. Na, und dann ging es immer so weiter und ich landete bei der Schülerzeitung, dann war es ein kleines Lokalradio, dann war es eine große Musikzeitung, zum Schluss war es das Musikfernsehen. Aber mein Ansinnen war immer den Leuten immer Musik nahe bringen, von der ich denke, sie ist es wert, gehört zu werden.

Ich: Wie ehrfürchtig bist du bei so einer Begegnung mit jemandem, der nicht gerade unbekannt ist?

M. Kavka: Bei mir gibt es so eine Trennlinie. Also egal, wie groß der Name ist, wenn mir die Musik von der Person nichts bedeutet, dann gehe ich dahin, wie zu einem ganz normalen Gespräch. Ich denke dann überhaupt nicht: Donnerwetter, das ist voll der Superstar, der schon alles erreicht hat. Nein. Zum Beispiel immer wenn ich Bon Jovi interviewt habe, dessen Musik ich immer schrecklich fand, dann gehe ich da mit einer Aufgeregtheit hin, wie die, wenn man morgens um sechs Uhr auf einer Party jemanden beim Nudelsalat kennenlernt (er grinst, man kann es deutlich hören). Ich gehe also mit einer gesunden Neugier hin und sage mir: Ich will nur herausfinden, ob der Typ zu der Musik, die er macht, passt oder ob es doch eine unerwartete Tiefe gibt. Viel aufgeregter bin ich dagegen, wenn ich meine eigenen Idole interviewen darf. Dazu gehören zum Beispiel Nick Cave, Depeche Mode, New Order oder The Cure. Da bin ich dann schon wahnsinnig aufgeregt, weil sich natürlich die Gefahr auftut, dass das Gespräch aus irgendeinem Grunde scheiße läuft, ich stelle eine falsche Frage, ich habe einen schlechten Tag, die haben einen schlechten Tag, haben eigentlich gar kein Bock auf irgendein Interview und dann läuft es mies und im Nachhinein korrumpiert das dieses Fan-Sein. Ich habe immer befürchtet, wenn so ein Gespräch in die Hose geht, dass ich die Band dann nicht mehr so vergöttere, wie ich das schon mal getan hab und dann ein Problem habe, die Platten weiter zu hören. Also da hatte ich wirklich bisher immer Glück und die Gespräch liefen bis dato immer doch besser, als erwartet.

Ich: Vor kurzem haben wir uns auf der Hornbachlesung (und hier) kennengelernt, wo ich erfuhr, dass du auch Autor bist. Wie verbindest du Musik und Literatur? Gibt es so etwas wie das große Ganze?

M. Kavka: Tatsächlich habe ich, glaube ich, noch keinen Schriftsteller interviewt. Also einen reinen Schriftsteller. Und generell ist es so, dass ich diese Sachen – Musikjournalismus, Schreiberei und auch das Auflegen gar nicht so klar trenne. Das gehört alles Drei im gleichen Umfang zu meinem Beschäftigungsportfolio. Und das macht mir auch alles gleich viel Spaß. Es inspiriert sich alles gegenseitig. Vieles von dem, was ich beim Auflegen und beim Interview erlebt habe, gebe ich dann in Büchern und Texten, die ich schreibe, wieder. Umgekehrt ist es so, dass die Übung, sich auszudrücken, auch dem Moderieren zu Gute kommt. So lernt man als Moderator dazu, verständlich zu sprechen, kurze Sätze zu machen, das hilft dann wieder dem Autor. Das habe ich schon immer parallel gemacht und ich würde da auf keinen Teil verzichten wollen.

Ich: Du könntest dir aussuchen, eine Tag in die haut eines Musikers zu schlüpfen… Wer sollte es sein und warum?

M. Kavka: Hmmm… (er überlegt) Martin Gore. Ja, das ist ein wahnsinnig cooler Typ. Er hat unschlagbaren Humor, ist ein Wahnsinnsmusiker, gönnt sich aber auch den Spaß, ganz obskure Platten zu machen. Seine DJ-Sets sind ganz anders, als man das sonst von ihm erwartet. Und er hat es einfach hinbekommen, so unantastbar zu sein. Deswegen könnte ich mir vorstellen, mal einen Tag Martin Gore zu sein. Wobei ich besser Kickern kann als er…

Ich: Habt Ihr es schon ausprobiert?

M. Kavka: Ja, als Depeche Mode mal in Berlin waren, war ich nach dem Konzert hinten im Backstage. Sie haben immer einen Kicker auf ihrer Tour dabei. Da spielten Martin Gore und Flecht gegen mich und Dave. Und dann haben wir sie so gnadenlos abgezogen, dass sie unter den Tisch kriechen mussten.

Ich: Hat Markus Kavka einen Top Five Soundtrack, ohne den ein Tag verloren wäre?

M. Kavka: Das ist eine Frage, die bekomme ich hin und wieder mal gestellt und ich habe dann selbst mal bemerkt, dass meine Antwort auf diese Frage immer eine andere war. Also tatsächlich höre ich, seit ich denken kann, immer zeitgenössische, zeitgemäße Musik. So bedeuten mir Platten, die ich vor zehn, fünfzehn Jahren mit auf eine einsame Insel genommen hätte, mir mittlerweile kaum noch was. Also ganz ehrlich, ich tue mir schwer, zum Beispiel heute (What’s the Story) Morning Glory von Oasis mit der gleichen flammenden Begeisterung wie 1996 anzuhören. Ich persönlich setze Musik in einen unmittelbar zeitlichen Kontext. Es ist wichtig, dass Musik berührt, und insofern ist es nachvollziehbar, dass mich jetzt Musik nicht mehr zu stark berührt, wie es noch vor Jahren der Fall war. Es gibt aber schon Platten, die ich allein schon auf Grund ihres Alters öfters gehört habe. Aber wenn ich sie jetzt wirklich mal bestimmen müsste, dann wäre (What’s the Story) Morning Glory schon mit dabei. Dann wäre auch Pornography von The Cure dabei oder Closer von Joy Devision. Aber wenn ich so zurückdenke, dann muss da auch Untrue von Burial mit rein.

Ich: Du hast mir vor kurzem angedeutet, dass Du gerade neue Folgen für Number One drehst. Verrätst Du uns schon ein paar Deiner Interviewpartner?

M. Kavka: Klar. Diesmal sind Die Ärzte, Patti Smith, Marilyn Manson, Joe Cocker, Jack White von den White Stripes und Sting mit dabei.

Ich: Vielen Dank, Markus!

Tcha, da haben wir wieder was gelernt – hätte Markus die Sendung wohl beendet. Ich nicht. Ich sage: Danke für das gute Gespräch, denn es war mir eine Ehre, mit einer (in meinem Augen) großen Interview-Legende zu telefonieren.

 

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