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Auf ein Telefonat mit Timm Klotzek

Timm Klotzek: „Vor zwanzig Jahren hatte noch niemand dieses Social Media Zeugs an der Hacke“

Da ist Snoopy auf meinem Socken aufgestickt, wie ich feststelle. Und nicht nur ich sehe das, während ich mit übereinander geschlagenen Beinen im HVV-Bus sitze. Denn eine Busmitreisende in meiner unmittelbaren Nähe schmunzelt. Ich sehe es an ihren Mundwinkeln. Gut, denke ich. Was sagen schon Socken über die Reife einer Person?

Nicht, dass ich mich nicht vernünftig kleiden könnte. Meinem Alter angemessen. Ist nur ein Individualdetail. Eines, das den Schleinig ausmacht. So wie auch das Krümmelmonster-Shirt, die Simpsons, der regelmäßige Blick in den Lego-Laden in der Innenstadt…

Gelegentlich mache ich mir ernsthafte Gedanken um meine Reife. Klar, hat sich schon jeder irgendwann mal gemacht. Manche tun’s noch, sind aber kein Stück weiter. Und ist ja auch die alte Schachtel, in die die Pubertät gehört. Aber so ganz in die hinterste Ecke hat sie es bei mir nicht geschafft. Gelegentlich mache ich sie wieder auf. Dann baue ich Butzen, verweigere Englischvokabeln und werde am Ende immer pathetisch. Norm in meinem Alter sei, sich wie fast dreißig zu verhalten. Neulich entschied ich, dass ich das überhaupt nicht kann. Toll. Neues Defizit.

Und dann noch diese Karriere. Sie ist meine Entscheidungsgrundlage für die Kinder, deren Vater ich mal werden sollte. Deren Erziehung ich wohl nach meinem momentanen Reifegrad eher als Geisterfahrer befahren würde. Ich habe mich mal dabei ertappt, wie ich nach Ratgebern suchte. Gibt es die auch als Hörbuch? An der Volkshochschule? „Wie unterdrücke ich erfolgreich Wachstumsschmerzen“?

Also habe ich den Drang, jemanden zu sprechen, der davon eine Ahnung hat. Ahnung, nicht wissenschaftlicherseits, nein, der das Gehirn meiner Generation jahrelang seziert und einige Erkenntnisse im Taschenformat gewonnen hat, die monatlich aktualisiert werden, um dieser Generation das Gefühl des Verstandenwerdens zu vermitteln. Timm Klotzek, Ex-Chefredakteur von Neon und Nido, jetzt bald Chefredakteur vom Süddeutsche Magazin, ist so einer.

Mein Telefon wählt, tutet und tutet.

Klotzek: Timm Klotzek.

Ich: Guten Tag Herr Klotzek. Ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Tut erwachsen werden heute mehr weh als damals? Oder nehmen wir unsere Sorgen, unsere Anliegen gegenüber deren unserer Eltern wichtiger?

Klotzek: Also ich glaube grundsätzlich, dass man wenig, eigentlich keinen direkten Vergleich hat in die Gefühlswelt anderer Generationen im selben durchlebten Zeitraum. Wir können uns heute nicht vorstellen, wie sich die jungen Erwachsenen 1955 gefühlt haben. Wir haben auch, glaube ich, kein Gefühl, wie sich die jungen Erwachsenen Mitteder 60er und Mitte der 80er und selbst schon Mitte der 90er, wo es Techno gab und das Internet aufkam, gefühlt haben mögen. Ich würde sagen, es ist aus heutiger Sicht ziemlich schwierig, sich selber mit Leuten zu vergleichen, die damals im selben Alter waren. Das führt natürlich dazu, dass jede Generation glaubt, ihre Sorgen und Nöte seien einzigartig und noch nie dagewesen – krasser, härter als alles, was jemals zuvor da war. Das kann man keiner Generation auch so richtig ausreden. Also ich glaube, es nutzt gar nichts, jemandem, der heute gut ausgebildet ist und einen Job sucht, diesen aber nicht findet, zu erklären, Mitte der 80er war es genauso. Und da hattest Du noch nicht mal das Internet, in das Du Deine Jobanfrage hättest breit streuen können. Stattdessen saßen da so ein paar arme Teufel und haben die Briefmarken abgeleckt, dann vierzehn große Umschläge zur Post gebracht und nie wieder etwas gehört von denen. Man ist dann irgendwie…

(kurze Pause)

 

Ich lausche gespannt und führe instinktiv fort: Im eigenen Mikrokosmos verhaftet…

Klotzek: Genau. Man ist in seinem eigenen Mikrokosmos verhaftet, und ich glaube, das hilft schon etwas, das zu bedenken. Und Zeiten ändern sich. Ich habe mich mal mit meinem Vater unterhalten. Der hatte in den 60ern BWL studiert. Er meinte, sie seien zum Teil mit einer totalen Sicherheit zur Uni gegangen. Sie dachten, wenn sie keinen zu großen Quatsch machen, sie können sich am Ende des Studiums unter drei Arbeitgebern einen aussuchen, sie würden umworben werden. Ich dagegen bin Anfang der 90er Jahre in einer völlig überfüllten Erstsemestervorstellungsrunde von einem zynischen Professor begrüßt worden mit den Worten „Herzlich willkommen im Arbeitslosenzwischenlager“. Also ich glaube, die Hoffnungen und Träume verschieben sich generationsabhängig. Und eigentlich ist es ja relativ beruhigend, wenn es immer um die selben paar Sachen geht, wenn man sich fragt: Was wird denn aus mir? Ist der momentane Partner, der richtige? Ist der Job, den ich mache, der, den ich lange ausüben will? Verpasse ich gerade etwas? Müsste ich nicht noch einmal etwas ganz anderes machen? Ins Ausland gehen, eine lange Reise unternehmen? Und dann kommen noch die Alltagssorgen hinzu. Die verschieben sich natürlich auch, weil die Welt sich verändert hat. So hatte zum Beispiel vor zwanzig Jahren niemand das Social Media Zeugs an der Hacke…

Ich: …mit seinen Vor- und Nachteilen. Beim Wort ‚Eltern’ habe ich das Bild meiner Eltern vor Augen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, selbst einmal zu einem Elternteil befördert zu werden. Lief meine Erziehung schief? Streube ich mich, älter zu werden? Oder muss ich Nido lesen?

Klotzek: Haben Sie Kinder?

Ich: Nein.

Klotzek: Also Nido ist für Leute interessant, die Kinder haben. Weil Kinder ja schon per se das Leben auf den Kopf stellen. Das meine ich jetzt weder drohend, noch pathetisch, noch missionarisch. Es ist einfach so, dass alles anders wird, wenn Kinder kommen. Es ist sozusagen ein neuer Lebensabschnitt, ein neues Lebensgefühl. Interessant für Leute, die in diesem Lebensabschnitt stecken, die Kleinkinder haben oder gar daran denken, Eltern zu werden, die mal einen Blick über den Zaun werfen wollen: Wie ist das denn eigentlich, wenn wir mal Kinder haben? Kann man dann noch eine Reise nach Galizien machen mit dem VW-Bus oder ist man dann gefangen in so einem Familienhotel mit dem Schokobrunnen und lauter Gleichgesinnten?

Ich: Ich gestehe, das klingt schaurig. Aber eher etwas Schönes: Der aktuelle Soundtrack für einen Timm Klotzek?

Kloetzek überlegt lange: Ich höre gerade João Gilberto, Vater des Bossa Nova, eher aus einem traurigen Anlass, weil der tolle Reporter Marc Fischer, der auch für Neon gearbeitet hat, darüber ein Buch geschrieben und sich kurz danach das Leben genommen hat. Und das ist so im Moment mein Soundrack. Natürlich weil ich die Musik sehr gut finde, aber auch weil ich dann an Marc Fischer denke, wenn ich sie höre.

Ich: Musik wird wohl nie alt und hilft noch, sich zu erinnern. Gut so. Vielen Dank, Herr Klotzek.

Das Telefon ist noch nicht ganz in die Hosentasche geglitten, da lasse ich das Altern sein. Es hat keinen Zweck, sich dafür zu interessieren. Es passiert irgendwann. Oft fängt es im Kopf an. Oft sehen wir es auch an unseren körperlichen Veränderungen. Da gab es dieses graue Haar neulich.

Als ich das Altern über meine Schulter werfe, schaue ich mir Marc Fischer genauer an. Recherchiere und lese seine Texte. Und stelle fest: Erwachsen ist man, wenn man die Komplexität von Sehnsucht, Leben und vielleicht auch etwas die Suche danach verstanden hat.

(Eine Anmerkung: Das Telefonat fand statt am 20. Juni 2011 um 15:30 Uhr)

5 Comments

    • flocke_hh flocke_hh

      Vielen Dank! 🙂 Weiß ich sehr zu schätzen…

  1. geschrieben ..( zu schnell denken und tippen auch in der gleichen Geschwindigkeit tut nicht gut 😉 )

  2. Ein Schleinig trägt Snoopy-Socken?? Es ist schon gruselig in der Uni zu sitzen, diesen Artikel zu lesen und sich in Bezug auf die Socken in derselben Situation zu befinden!
    Demnach: großartig! 🙂

    • flocke_hh flocke_hh

      🙂 da haste wohl recht!

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