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Auf ein Telefonat mit Rüdiger Nehberg

Copyright: Nehberg
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Rüdiger Nehberg: „Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen.“

Wir sprechen täglich von Revolution. Ich sehe die Menschen, die für Lampedusa auf die Straßen Hamburgs gehen. Bewundere ihre Energie, wünsche mir meine Superkräfte, um sie dabei zu unterstützen. Stattdessen sitze ich auf meinem Hintern und rede mir ein, ich würde Sinnvolles tun, mich an einer besseren Welt beteiligen. Vielleicht tue ich das auch. Im Sinne der Anklage. Helfe dabei, Arbeitsplätze zu rechtfertigen und mitnichten zu sichern.

Abends sitze ich dann bei einem Glas Wein und lasse den Tag Revue passieren. Und ich entdecke die Leere in mir. Energielos, ausgestorben, geistlos. Und frage mich, was ich geleistet habe. Immer wieder gleiten meine Gedanken zu den Menschen, die oft ihre letzten Kräfte mobilisieren, fremden Menschen dort draußen zu helfen; die Stellung beziehen und die Stimme anderer eine noch lautere Stärke verleihen.

Ja, unser Zeitgeist bringt immer noch Helden hervor; Nationalhelden, die mit einer Vehemenz um Recht und Ordnung kämpfen. Sie sind nicht alle gestorben, am Alter, an der Zeit selbst. Es gibt sie noch und es wird sie immer wieder geben. Man muss manchmal nur zwei Steine mehr heben, um sie zu finden. Hin und wieder verstecken sie sich hinter einer anderen Persönlichkeit. Manchmal braucht es einen Blick mehr, um sie in dem Wirrwarr des Alltags dort draußen zu entdecken.

Rüdiger Nehberg ist so ein Mensch. Wir kennen ihn wohl vermeintlich durch seine Abenteuerreisen. Durch den Dschungel kämpfend, mehrere Tage als verschollen geltend. Und dann ist da der Rüdiger Nehberg, der einem 5.000 Jahre alten, grausamen Brauch den Kampf angesagt hatte. Damit hat er es geschafft, Glaubensführer des Islam dahin zu bewegen, von der Verstümmelung weiblicher Genitalien abzusehen, es als Verbrechen am Menschen anzuerkennen.

Ich musste mit ihm sprechen. Wollte wissen, wie er im Kampf vorangekommen ist.

Und dann klingelt das Telefon. Es tutet. Und… na ja… es tutet halt, bis Nehberg abnimmt.

R. Nehberg: Hallo, Herr Schleinig! (Natürlich haben wir das Telefonat vorab vereinbart.)

Ich: Hallo Herr Nehberg, wie hat sich die Lage der Verstümmelung weiblicher Genitalien seit Gründung Ihrer Menschenrechtsorganisation verändert? Kann man eine kleine Zwischenbilanz ziehen?

R. Nehberg: Ja, auf jeden Fall! In der Danakil Wüste Äthiopiens, wo wir ständig arbeiten, wurde der Brauch zu einem Verbrechen erklärt, per Stammesgesetz. Das kontrollieren wir auch mit unserer mobilen Krankenstation. Wenn wir 2014 unsere Geburtshilfestation eröffnen, wird der Landesministerpräsident eine Strafe festlegen. Das sind dann 25 Kamele, wer die Verstümmelung immer noch vornimmt. Aber auch weltweit ist das Thema immer weiter ins Zentrum von Menschenrechtsdebatten gerückt. Seit der Fatwa der Al-Azhar-Universität in Kairo, die wir durch eine internationale Gelehrtenkonferenz initiieren konnten, ist der Brauch für Muslime offiziell zu einem „strafbaren Verbrechen gegen höchste Werte des Islam“ erklärt worden.

Ich: Die Verhinderung dieses Verbrechens gegen junge Mädchen ist also erfolgreich.

R. Nehberg: Zumindest wurde die wichtigste Voraussetzung geschaffen. Jetzt muss das Verbot „nur noch“ in die Köpfe der Betroffenen.  Der Generalsekretär der islamischen „UNO“ (OIC, Organisation of Islamic Cooperation, Jeddah, der 56 islamisch regierte Länder angehören) hat auf unsere Initiative das Thema weibliche Genitalverstümmelung für den Ausschuss Familie, Jugend und Kinder zur Priorität ernannt! Auch öffentlich hat er schon unmissverständlich Stellung bezogen. Insgesamt ist der Kampf zwar mühsam, aber es geht Schritt für Schritt voran. Man darf nicht außer Acht lassen, dass dieser Brauch 5.000 Jahre alt ist.

Ich: Gab es hierbei Gefahren und Risiken zu überstehen? Immerhin sprechen wir von 5.000 Jahren, die nicht so einfach auszulöschen sind.

R. Nehberg: Man hatte mir immer prophezeit, der Islam sei nicht dialogfähig, man würde mir die Kehle durchschneiden. Um von solchen Bedenkenträgern unabhängig zu sein, haben meine Frau Annette und ich im Jahr 2000 TARGET gegründet. Der beste Entschluss unseres Lebens. Von Anfang an haben wir nur positive Reaktionen erlebt und Kooperationen aufbauen können mit der absoluten Elite des Islams – vom Großscheich Al-Azhar über den Großmufti Ägyptens, bis hin zum Großscheich Al-Qaradawi. Das ist der Sheikh, der in Europa Einreiseverbot hat. Unter anderem wegen der dänischen Karikaturen. Diese Männer haben den Mut aufgebracht, ihre oft lebenslang vertretenen Meinungen zu revidieren und sich öffentlich dazu zu bekennen. Das sind wirklich beispiellose Fortschritte. Ich habe mich in Demut vor ihnen verneigt. Echte Gefahrenmomente hat es noch nie gegeben. Einmal einen kleinen Eklat. Das war während unserer internationalen Konferenz in der Al-Azhar-Universität. Nach der Vorführung von Annettes Film über pharaonische Verstümmelung vor den Delegierten sprang ein Geistlicher auf und lamentierte, es sei eine Schande, uns in die heiligen Hallen des Islams einzuladen. ‚Den Brauch gibt es gar nicht! Der Film wurde mit Schauspielern und Geldern aus Israel gedreht.’ Das sind Momente, wo ich ausrasten kann. Zum Glück hatte der Mann kein Stimmrecht. Normalerweise versuche ich, solche Polemiker zu ignorieren.

Ich: Und wie sieht die Zukunft aus, angesichts solcher Behauptungen? Sind die Meilensteine stark genug, um die Botschaft weiterhin zu verbreiten?

R. Nehberg: Ja, es sind tolle Meilensteine, aber nicht das Endziel. Meine Vision ist es, auch den letzten Entscheidungsträger für unsere Initiative zu gewinnen. Jemanden mit viel Einfluss. Jemand der von Allah auserkoren wurde als Herr über Mekka. Das wäre der saudische König. Wenn er den Beschluss der internationalen geistlichen Elite zum Thema eines Pilgerjahres erklären würde, wäre das ein sensationeller Sprung vorwärts. Leider bin ich an ihn noch nicht herangekommen.

Ich: Darüber hinaus haben Sie Gefahren überstanden, in die sich kein Mensch der westlichen Welt freiwillig begeben würde. Ich nehme an, Sie sind daran gewachsen und sicher auch weise geworden. Zu welchen Lebenserkenntnissen sind Sie gelangt?

R. Nehberg: Dass niemand zu gering ist, Visionen zu realisieren. Was man braucht, sind eine unschlagbare Strategie und Durchhaltevermögen.

Ich: Lassen sich die Erfahrungen des Überlebens im richtigen Dschungel auf den Großstadtdschungel unserer westlichen Welt anwenden/übertragen?

R. Nehberg: Na klar. Weil Vielseitigkeit, Durchhaltevermögen, Mut zum Risiko, Kreativität, Individualität oder die Hinterfragung des Zeitgeiste universell gelten. Im Berufs- wie im Privatleben. Einer meiner Leitsprüche lautet: „Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen.“

Ich: Wie fühlt man sich, wenn man vom Hubschrauber alleine im Regenwald abgesetzt wird und sich durchschlagen muss? Sie galten ja auch mehrere Tage als verschollen…

R. Nehberg: Man wird schlagartig reduziert von der Krone der Schöpfung zum mickrigen Mosaik im gewaltigen Regenwald-Puzzle. Ich hatte ja null Ausrüstung. Nur Badehose und Sandalen. Kein Messer, keine Tablette. Reduziert auf animalische Einfachheit. Gleich beim Abseilen begannen die Probleme. Ich war in einem Dornengestrüpp gelandet und blutete wie Schlachtvieh. Das nutzten respektlose Dasselfliegen und legten ihre Eier in die Kratzer. Tage später hatte ich viele Geschwüre. Und wenn ich daran herumdrückte, kamen Maden heraus. Nach der Landung habe ich mir als Erstes eine Steinaxt, und damit einen Knüppel zur Verteidigung und einen Grabstock gemacht. Nach drei Wochen stand ich wieder auf der Matte der Zivilisation. Eine solche Aktion „Urviech“ würde ich jederzeit gern wieder machen.

Ich: Vielen Dank, Herr Nehberg, für das spannende Telefonat!

Jetzt fühle auch ich mich wie ein Mosaiksteinchen. Klein und doch etwas bedeutsam. Ohne mich als Steinchen ergibt das Bild vielleicht keinen Sinn. Der Sinn ist vielfältig. Kann auch damit zusammenhängen, dass mein Fehlen ein Bild unvollkommen macht. Ein Bild, das aussieht wie eine Revolution. Und die fängt bekanntlich im Kleinen an.

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