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Auf ein paar Tapas mit Fridtjof Detzner

Fridtjof Detzner: „Wir ziehen unser Ding durch. Auch ohne Politik.

Die Raute. Der Stinkefinger. Es gibt Gesten, die regen gerade die ganze Nation auf. Ob aus Überzeugung, Missgunst oder Mitleid. Ja, es ist Wahlkampf. Und ja, jeder hakt ein und diskutiert die optimalste Stimmenabgabe. Nein, es gibt kein Rezept und es gibt viele Meinungen und am Ende doch nur eine weitere Regierung. Und nein, hier schreibt niemand, den es nicht interessiert, was da vor sich geht. Hier schreibt jemand, der jemanden sprach, der ein weltweites Unternehmen mitgegründet hat und führt.

Und wisst ihr was? Diesen jemand interessiert die Wahl aus Unternehmersicht überhaupt nicht. Klingt merkwürdig, ist aber so. Damit meint er, dass er „nur“ aus persönlichem Interesse wählen geht. Persönlich meint, ihn selbst und sein Einstellung zur Gesellschaft und Politik zu vertreten. Nicht aus der Sicht des Verantwortlichen, der die Zahlen seiner Unternehmung im Blick hat und die Politikerfratzen danach sondiert, wer die Unternehmenssteuer senken würde oder gar den Mindestlohn für Programmierer einfordern könnte.

Gibt es so was? Wahrscheinlich ja. Und würde es den Politikern gefallen? Wer weiß das schon. Ich finde die Einstellung gut. Und ich habe sie erfahren, während ich mit Fridtjof Detzner, einer von drei Gründern von Jimdo, Tapas aß.

Ich: Fridtjof, demnächst steht die Bundestagswahl an. Beschäftigt Euch das überhaupt als junge Unternehmer oder zieht ihr weiter euer Ding durch?

F. Detzner: Das Zweite. Wir ziehen unser Ding durch. Wir hatten vor vierzehn Jahren mal, ganz zu Anfang, versucht, Hilfe zu bekommen, über Politik, über Förderung. Es war sehr schwer. Wir hatten auch nichts erhalten. Es ist sicherlich leichter geworden heute. Jedoch haben wir für uns die Einstellung entwickelt, dass wir selbst schauen, wie wir nach vorne kommen, was unsere nächsten Schritte sind. Was mich angeht – ich wähle das, was ich persönlich gut finde. Ich wähle nicht fürs Unternehmen.

Ich: Also keine Unternehmerperspektive?

F. Detzner: Nein, es geht wirklich um die persönliche Meinung. Unsere Unternehmerperspektive ist eine andere. Wir bauen unser Unternehmen, indem wir auf uns schauen und herausfinden, was die notwendigen Schritte sind. Da geht es nicht um die politische Wahrnehmung und welche Regierung unsere Schritte besser untermauern kann.

Ich: Wie hat sich das Gründen angefühlt damals?

F. Detzner: Das erste Mal haben wir im Alter von Sechzehn ein eigenes Unternehmen gegründet. Christian hatte damals auf einer Party gefragt, wer Lust hat, eine Firma zu gründen. Und da habe ich Ja gesagt. Zu derzeit waren wir noch auf dem Gymnasium und hatten uns beide für Computer interessiert. Und dann sind wir am nächsten Tag zum Gewerbeamt marschiert und wollten eine Firma gründen mit 50 D-Mark, glaube ich sogar noch. Die haben uns natürlich nicht gelassen, weil wir noch nicht voll geschäftsfähig waren. Durch einen glücklichen Zufall war Christians Vater Steuerberater und der hatte uns das dann ermöglicht. Er machte fortan die Steuererklärung. Unsere Eltern mussten uns für voll geschäftsfähig erklären, damit wir die Firma gründen durften. Danach war alles gemachte Sache. Dann begannen wir Computer zusammenzuschrauben, zu warten und solche Sache. Das ging ein dreiviertel Jahr, bis die erste Webseite kam. Danach entwickelten die ersten Webapplikationen, Datenbanken, Eingabemasken, machten immer wieder Projekte für andere Leute. Technisch wurde es immer komplexer und wir haben zu Projekten Ja gesagt, von denen wir überhaupt keine Ahnung hatten. Die Lernkurve war demnach auch sehr steil. Dazu kam, dass wir das während der Schule machten. Heißt, nachts hacken und am nächsten Tag den Vokabeltest bestehen. Also das war schon wild eigentlich. Wir haben viel gelernt in der Zeit.

Ich: Was waren die Schmerzen dabei?

F. Detzner: Wir haben zu wenig Geld verdient für unsere Projekte. Und wir haben die Erfahrung machen müssen, dass Projekte für die Kunden immer von vorn begannen. Man hat jedoch die besten Ideen, wenn man in den Projekten drinsteckt, wenn man sie also weiter ausarbeitet und entwickelt. Dann hat man nämlich die wertvollsten Ideen, wie man das Produkt oder Projekt noch verbessern könnte. Das Problem nur ist, das Du das aber nicht bezahlt bekommst. Das war blöd für uns. Und daraus entstand die Vorstellung, ein eigenes Produkt zu schaffen. Also ein Platz, wo Du Deine besten Ideen sammeln kannst, und der wächst und wächst und wächst. Und das ist das Beste, was Du machen kannst.

Ich: Habt ihr vorher eine Marktanalyse gemacht? Oder seid ihr einfach so rausgegangen?

F. Detzner: Nein, wir haben keine Marktanalyse gemacht. Wir haben immer danach gesucht, was wir professionell machen könnten, also eine coole Produktidee. Wir sind dann zufällig über den Bedarf nach einfachen CMS gestoßen, also Möglichkeiten, eine Webseite mit einfachsten Mitteln und ohne schwierigen oder teuren Aufwand zu aktualisieren. Daraufhin erfanden wir das Click and Change, die Grundlage von Jimdo heute. Also auf Elemente drücken und die Seite ändern können.

Ich: Ihr habt also Webseiten nicht nur einfacher bedienbar gemacht, sondern damit auch die Attraktivität gesteigert, einen eigenen Internetauftritt zu haben.

F. Detzner: Genau. In Schritten. Im Prinzip haben wir eine Transformation durchgemacht. Wir waren kompletter Individualdienstleister, dann haben ein System gebaut, in dem wir die Roherstellung von der Website übernommen haben, die der Kunde dann später selber pflegen konnte – ein Hybridmodell: man pflegt die Seite selbst und wir haben auch geholfen und waren als Ansprechpartner da. Bei Jimdo ist das alles automatisiert. Du kannst die Website erstellen, voll-designen, kannst alles selbst erledigen. Damit können wir all unsere Energie ins System stecken, um komplizierte Dinge immer noch leichter zu machen.

Ich: Ich weiß aus unserem Vorgespräch, dass Du nicht gerne zurückblickst. Dennoch frage ich Dich mal: Gibt es etwas in den letzten Jahren, was ihr anders hätten machen können oder sollen? Oder würdet ihr alles noch mal genau so machen?

F. Detzner: Wir würden alles noch einmal genau so machen. Das ist die persönliche Einstellung von uns Dreien. Wir sind jetzt hier, weil wir aus den Sachen, die wir gemacht haben, gelernt haben. Und ich glaube, wir wären nicht da, wenn wir auch keine Fehler gemacht hätten. Fehler sind ja gut, weil man auch daraus lernen kann und muss. Und ich hatte vorher nicht das Wissen dafür. Deswegen musste ich Fehler machen, um hier zu sein. Das ist also alles genau richtig, ich würde es wieder so machen. Dazu gehört auch die Trennung von 1&1. Die war kein Fehler. Bereue ich nämlich überhaupt nicht.

Ich: Das war ja auch ein gutes Zeichen an eure Leute.

F. Detzner: Auf jeden Fall. Das war eine tolle Erfahrung. Der Rückkauf war in einer Zeit, in der wir noch nicht Cashflow positiv waren. Wir haben sogar noch Geld verloren, was dem Aufbau geschuldet war. Wir mussten trotzdem da raus, weil wir sonst nicht mehr wir gewesen wären. Wir hatten letztlich ein Zeitfenster von sechs bis acht Monaten, in denen wir auch profitabel werden mussten. Darum reduzierten wir alle Kosten, wo wir nur konnten. Der Xing Pro Account und so weiter. Selbst unsere Tradition des Mitarbeiterfrühstücks jeden Freitag fiel dem leider zum Opfer. Das übernahmen unsere Mitarbeiter dann freiwillig, damit wir das auch aufrechterhalten konnten. Dafür brauchten wir uns von keinem unserer Mitarbeiter trennen. Und es ging auch keiner unserer Leute. Danach zusammen profitabel zu werden, ist das krasseste Ding überhaupt. Das schweißt richtig zusammen, denn man hat es gemeinsam geschafft. Denn profitabel zu werden mit einem Start-Up, mit einer Idee, die wir selbst hatten, ist das Tollste überhaupt. Es ist der Beweis dafür, dass es klappt, dass die Idee gebraucht wird.

Ich: Fühlt ihr euch noch wie ein Start-Up?

F. Detzner: Ich selbst fühle mich oft noch so. Jemand, den ich gut kenne, hat mal zu mir gesagt: „Ihr seid kein Start-Up mehr und seid da auch stolz drauf, denn ihr gebt euer eigenes Geld aus.“ Das ist verdammt richtig. Wir wachsen solide, wir haben unsere Leute verdoppelt, wir finanzieren unser eigenes Wachstum. Und das Gefühl zu haben, nicht alles alleine zu stemmen, ist großartig. Ich glaube, das ist ein großer Teil des Erfolgs, den wir jetzt haben.

Ich: Gibt es einen Tipp, den Du jeden Gründer mit auf den Weg geben würdest? Also etwas, das dir persönlich geholfen hat?

F. Detzner: Ich würde es nicht alleine machen. Wir begannen es zu dritt und es war großartig. Heute sind wir Hundertachtzig. Und wenn ich was gründen will, also etwas ernsthaft vorhabe, dann heißt das, dass ich mich einfach mal verdammt lange dafür aufopfere, ganz viel arbeite, nicht weiß, ob es klappt. Ich muss viele schlimme Zeiten und auch viele tolle Zeiten überdauern. Ich kann das nur schaffen, wenn ich das liebe, was ich mache. Also muss ich wirklich eine Passion dafür haben. Mein Tipp darum: suche dir nur was aus, was du wirklich liebst, wo du auch bereit bist, Opfer zu bringen. Mache es nicht alleine. Und habe Geduld.

Ich: Vielen Dank, Fridtjof, für das Interview. Und jetzt gibt’s Essen!

F. Detzner: Sehr gerne. Und jetzt gibt’s Essen!

Wir setzten unser Gespräch fort und ich vergaß dabei alles um mich herum. Die Restaurantgeräusche, die Gespräche der Nachbartische, die Hintergrundmusik. Ich war gebannt, Fridtjof zuzuhören. Wenn ich Begeisterung zum ersten Mal in Persona gesehen habe, dann in ihm und wie er seinen Werdegang und seine Ansichten auf die Welt beschrieb. Es war lehrreich.

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