Einzigartig macht es

den Stolz des Autors,

die Kreativität des

Visualisten.

Es ist Materie,

mit aufeinander folgenden

Seiten, eine gerade

und eine ungerade

mit Rythmus.

Es steht im Regal,

es hat einen Einband

und Farbe.

Es vereint Sinnlichkeit

mit gedanklicher Reise

in ferne Welten.

Michael Blümel

67er Jahrgang, freischaffender Künstler (Illustrator und Maler), Ex.-MitHg. der Leipziger Literaturzeitschrift ‘plumbum’, arbeitet u.a. an umfangreichen Bilderserien/Zyklen über/nach literarischen Themen - klassischer, moderner und Gegenwartsliteratur, lebt zeitweise in südfrankreich. www.michael-bluemel.de

sw: Michael, herzlichen Dank für Deine Illustrationen zu Andreas Stichmanns ‚Alleinstehende Herren’. Wir waren sprachlos über Deine eingesendeten Aquarelle, müssen wir gestehen. Warum hast Du Dich kurzerhand entschlossen, an der Ausschreibung und stoffwechsel teilzunehmen? mb: herzlichen dank für euer lob. weil ich ein ebenso spontaner wie leidenschaftlicher leser bzw. bibliophiler bin. ich bekomme häufig anfragen von diversen internet-literaturprojekten, aber die wenigsten sprechen mich an bzw. die dort präsentierten texte sind mir zu “unliterarisch” oder aufgrund der extrem unterschiedlichen qualität tatsächlich zugänglich. ich finde eure idee bzw. das konzept äusserst ansprechend, auch weil ich das gefühl habe, dass ihr eure ansprüche konsequent aus- u. durchführt.

sw: Die Sprache in ‚Alleinstehende Herren’ gefällt Dir sehr gut, wie Du uns geschrieben hast. Weil sie soziale Probleme und Konflikte authentisch und hoffnungslos benennt. Braucht es diesen schonungslosen Blick hinter die ‚Bühne’ der Charaktere, um gute Bilder zu malen?
mb: nein, überhaupt nicht bzw. nicht nur, der text sollte schlichtweg überzeugen, kopfbilder erzeugen, dinge evozieren, die man als zeichner weiter verfolgen und wiederum weiterspinnen kann. sie sollten den leser in irgendeiner form aufwühlen, fragen, herausfordern, kitzeln oder gut unterhalten und ihm nicht das gefühl geben seine zeit zu vergeuden. nicht zu vergessen die aussagen, anliegen, ausgangspunkte, intentionen, ergo: botschaften, die, wie auch immer, spür- u. (er)lesbar wirken.  dies gilt für alle genres und künstlerische sparten. wenn dann noch die sprach- u. fomulierungsarbeit auf hohem niveau sind, das modilieren der sprache erkennbar, die lust am schreiben an sich, ja, dann bleibt mir eigentlich nichts anderes mehr übrig als meine zeichenmaterialien aufzuwecken und dies geschieht nicht selten ab 7 uhr morgens.

sw: Auf Deiner Website präsentierst Du eindrucksvoll Deine Arbeiten. Eindeutig zu erkennen: Du machst viel in der Literatur und mit ihr, unter anderem in ‚Kunst trifft Literatur’. Ist es nur der Inhalt, der Dich inspiriert? mb: nein, oftmals sind es zudem die schriftsteller/innen selbst, ihre leben, lebensumstände, biographischen hintergründe, die tragik wie die erfolge gleichermaßen, das authentische leben. viele schrieben/schreiben aus ihrem leben und nicht “nur” über das leben oder bestimmte ereignisse.  ein beispiel: brigitte reimann, ihre kritik, ihr kampf - nicht nur mit dem damaligen ddr-system -, ihre haßliebe, ihr aufblühen, ihre wiederkehrenden schmerzen aufgrund menschlicher zerwürfnisse, ihre exzessive lebensart, an deren folgen sie schließlich starb. besonders ausdrucksstark und geradezu einprägend sind ihre tagebücher, aber auch in ihren romanen und erzählungen schreibt sie - und hier wiederhole ich mich gerne - schonungslos aufdeckend, entblößend. für mein empfinden ist das aufrechte literatur. nicht wenige junge und hofierte bzw. hochgepuschte autoren/innen der gegenwart enttäuschen und langweilen mich mit ihrem oberflächlichen gewäsch; zum glück gibts auch andere, die tiefer und anspruchsvoller schreiben, wo man förmlich den arbeitsschweiß riecht, um es mal etwas drastisch zu formulieren. ein weiteres beispiel ist josé saramago, den ich auch mal persönlich kennenlernen durfte und der einige meiner arbeiten besitzt. ihm widmete ich 3 jahre arbeit, parallel entstanden natürlich noch andere werke zu anderen themen, autoren/innen, aber seine romane eröffnen einem welten.  seine bücher fordern mich immer wieder heraus, sie rufen förmlich nach mir. ich könnte da noch weiter ausholen, doch das würde die zeilenkapazität sprengen.

sw: Du beschreibst Dich selbst als ‚bibliomanisch’. Wenn Du Dich mit einem Buch unterhalten könntest – was würdest Du ihm erzählen? mb: was heißt hier könntest, ich tue das regelmässig, in dem ich sage: wie schön es ggfs. aussieht, wie ansprechen die kleidung ist - sofern die gelungene buchgestaltung dies zulässt. wenn es ein antiquarisches buch ist, sage ich zumeist: ok, du kannst nix dafür, dass du so intensiv riechst, weil du dich schließlich nicht jeden tag unter die dusche stellen kannst und dein/e vorbesitzer/in kettenraucherin ist oder bereits war. manchmal frage ich die bücher aber auch, ob sie es als schlimm oder gar abstossend empfinden, wenn ich direkt in sie hineinzeichne bzw. direkt über die textseiten zeichne, daraus werden dann sog. unikatbücher, die inzwischen bei sammlern beliebt wenn nicht gar begehrt sind. aber im ernst, lieber florian: natürlich rede ich mit den büchern, zuweilen fluche ich auch mit ihnen, denn ich nehme die meisten von ihnen sehr ernst. und: sie lassen einen immer ausreden. ist man aufmerksam und empfindsam genug, spürt man sie nicken.

sw: Stell Dir vor, Du könntest allein über die Zukunft der Bücher entscheiden. Wie sähe diese aus? mb: mein lieber kokoschinsky - wie meine oma immer zu bemerken pflegte - das sind ja richtige hammerfragen. alle macht den büchern. nein besser nicht, es gibt ja schließlich auch welt- u. menschenverachtende literatur. lasst ihnen platzt zum atmen, versucht sie so lange am leben zu erhalten wie in eurer macht steht. unterstützt ihre erzeuger, förderer, vermittler, ihre partner, freunde, gebt ihnen angemessene unterkünfte, versucht sie nicht allzu sehr digital zu bearbeiten, sagen wir, mit einer gesunden dosis, schafft und entwickelt hingegen lebenserhaltende methoden. stellt gefälligst mehr geld für die verbreitung und erhaltung zur verfügung, für unsinn und wahnsinn habt ihrs ja auch immer dicke zur hand. denkt an euere zukunft und die der zukünftigen generationen.  auf büchern kann man unglaubliche fundamente errichten. versucht sie möglichst vielen menschen näher zu bringen, gerade denjenigen, die sich ihnen aus existentiellen aber auch kulturimmanenten gründen nicht immer leicht nähern können, dürfen. streichelt und pflegt sie regelmässig, euere autos und frauen (gut, bei letzteren siehts mitunter schon ganz anders aus) kommen ja auch nicht zu kurz.

sw: Vielen Dank für das kurze Gespräch, Michael!
(15. November 2009)
mb: gern geschehen, aber so kurz war’s doch gar nicht :-)