Konrad Loster
Er kennt den genetischen Code. Er jongliert mit elektronischen Codes. Er kombiniert Lettercodes. Die Rede ist von Konrad Loster. Sich selbst bezeichnet der naturwissenschaftlich-studierte Programmierer eines Software-Unternehmens aus Walldorf als ‚Freizeit-Schriftsteller’; ein Maß, dass er aufgrund seiner eigenen hohen Qualitätsanforferungen ansetzt: Er selbst sei sein größter Kritiker. Die Motivation seines schriftstellerischen Schaffens hatte schon Max Frisch in seinen Tagebüchern umschrieben: „…und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben.“ Daraus enstand die vorliegende Geschichte „Hynsel & Gruytel auf Acid“.
sw: Danke, Konrad, dass Du Deine Geschichte stoffwechsel anvertraust! Du schreibst in Deinem zweiten Leben Geschichten und Gedichte. Warum hast Du gerade diese ausgewählt? kl: Nun, das war so eine Geschichte, die gerade in keines meiner aktuellen Projekte passte. Bevor sie in der Schublade verstaubt, gebe ich sie lieber stoffwechsel, denn Euer Wahlspruch “Macht was draus!” gilt natürlich für beide Seiten. Ich habe da Vertrauen in Euch, mache gerne meinen Beitrag und harre der spannenden Dinge, die da vielleicht kommen mögen…
sw: Du bist SAP Software-Programmierer von Beruf. Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Welche Motivation treibt Dich voran? kl: Geschrieben habe ich schon sehr lange bevor ich überhaupt wusste, dass es die SAP gibt. Es fing im Grunde an mit den Aufsätzen, die ich in der Grundschule geschrieben habe. Es gab immer wieder ein paar Befürworter meines Stils, doch leider konnte ich mich selbst nie gegen meine eigenen Qualitätsanforderungen durchsetzen. Wenn man es nämlich richtig machen will, so ist das Schreiben wohl eigentlich ein echter Vollzeit-Knochenjob, wenn wir ehrlich sind, oder? Welche Motivation mich vorantreibt? Vielleicht ist es einfach die übliche Todesangst, der Sinn es Lebens, die Frage nach der Unsterblichkeit und die Angst vor unzureichender Fortpflanzung. Eben alle die Themen, die gern am Frühstückstisch verhandelt werden.
sw: Du schreibst nach einem Zitat von Max Frisch: “Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben.” Traust Du Deinem Unterbewusstsein? kl: Das ist eine intelligente, suggestive Frage. Wir können natürlich niemals wirklich unserem Unterbewusstsein folgen, weil das Unterbewusstsein als solches ja eben stets unterbewusst bleibt und uns niemals wirklich seine Funksprüche mitteilt. Eine Kommunikation mit dem Unterbewusstsein könnten wir uns nur vorstellen, es als Metapher gebrauchen, es jedoch niemals wirklich betreiben.
Nichts desto trotz sitzen einige von uns in dieser Max Frisch’schen Erdbebenwarte und lassen sich schreiben von ihren Eindrücken, die sie durch vielerlei Anregung von Außen gewonnen haben. Da schwingt natürlich eine gute Portion von schweizerischem Understatement mit, denn natürlich wandern auch diese Eindrücke durch den Intellekt des Erfahrenden und letztlich auch durch dessen “Unterbewusstsein”. Sie werden dann aber in einer solchen Weise zur Kunst destilliert, dass es nur den aller besten unter ihnen gelingt, ihren künstlerischen Eingriff zu verbergen und alles wie die pure Genialität der Wahrnehmung der Wirklichkeit erscheinen zu lassen.
Abschließend würde ich also sagen, für einen der gern etwas schreibt, ist es von Vorteil, einen guten Draht zu dem zu haben, was er für das Unterbewusstsein seines Selbst, seiner Umwelt und seiner Gesellschaft hält.
sw: Wir suchen für Deine Geschichte die Bilder von Kreativen und damit die visuelle Interpretation. Welche Bilder hattest Du vor Augen, als Dich die ‚Feder’ führte? kl: Da fielen mir eigentlich permanent die Oper des Spätromantikers Engelbert Humperdinck ein: “Hänsel und Gretel”, das jedoch vermischt mit den Bildern des tollen Films “Brothers Grimm”, geschrieben von Ehren Kruger. Eigentlich ging es aber doch etwas mehr um die Musik als um die Bilder. Während die Bilder in meinem Kopf herumschwirrten, hatte ich dazu die Klänge dieser US amerikanischen Industrial-Metal Gruppe “Hanzel und Gretyl” im Kopf, die mit deutsch-nationalen Kitsch um sich wirft, der geschmacklos und unerträglich ist. Also, diesen Krach habe ich auf Humperdincks Romantik addiert und dann bin ich zu dem Zeitpunkt gerade auch noch durch die abendlichen Tannenwälder Österreichs gefahren und lauschte dort einer journalistisch ziemlich unausgegorenen Sendung zum österreichischen Rechtspopulismus, in dessen Verlauf noch ein Techno-Künstler auftrat, der seinen Zuhörern seine neuesten Konzepte für das Alpenglühen in höchsten Trancezuständen näher brachte. Diese ganze Musik und diese Bilder hatte ich im Kopf, als ich diesen Text herunter schrieb und ich musste mich am Ende fragen, ob sie das nun ist, unsere Jugendkultur, die vom Medien-Trash nun direkt zurück zur
Romantik wankt, ohne es zu wissen.
sw: Wie lässt Du Dich dafür inspirieren? Was ist Deine Kreativquelle? kl:Schwer zu sagen - das dürfe bei jeder Geschichte ein großes Sammelsurium aus unterschiedlichen Quellen sein, wie ich schon bei der letzten Frage angedeutet habe. Es ist vielleicht gar nicht gut, nur eine Quelle zu haben, denn wie schlimm ist es, wenn die mal versiegen sollte? Dennoch gibt es so etwas natürlich. Ich denke, dass es sich dabei, wie schon seit alten Zeiten, um niemand anderen als die Musen handelt. Und welche Inspirationsquelle könnte ergiebiger, positiver und wertschöpfender sein als die der Liebe? Mit Hass und Aggression mag es auch eine Weile funktionieren, doch dann steuern die Leute normalerweise irgendwann schon aus reiner Erschöpfung freiwillig gegen den nächstbesten Baum, glaube ich.
sw: Vielen Dank für das kurze Gespräch, Konrad! (11. Februar 2010)




