Einzigartig macht es

den Stolz des Autors,

die Kreativität des

Visualisten.

Es ist Materie,

mit aufeinander folgenden

Seiten, eine gerade

und eine ungerade

mit Rythmus.

Es steht im Regal,

es hat einen Einband

und Farbe.

Es vereint Sinnlichkeit

mit gedanklicher Reise

in ferne Welten.

Eure Bilder für ‘Hynsel & Gruytel auf Acid’

6. März 2010 von Florian

Heute möchten wir Euch mal eine neue Perspektive der Brüder Grimm vorstellen: Es sind Konrad Losters Sicht der Dinge, wie sie sich im Märchenwald zugetragen haben können. Danke, Konrad!

Sendet uns Eure Bilder, die Szenen der Erzählung interpretieren. Wie Ihr teilnehmen könnt, findet Ihr hier.

Text: Konrad Loster

Hynsel & Gruytel auf Acid

In den Wäldern der deutschen Romantik so gegen 1805, als der größte Teil des noch nicht so richtig existierenden deutschen Nationalstaats durch Soldaten und Verwaltungsbeamte von Napoleons Gnaden besetzt war, begab es sich, dass Hynsel und Gruytel auf Acid kamen. Und das geschah folgendermaßen.

Ihre Eltern sicherten sich im Pfälzischen Urwald ein knappes Überleben durch Zerlegung und Verkauf von Holz. Die leibliche Mutter der Kinder starb früh an irgendeiner Krankheit, die weder rechtzeitig erkannt, noch jemals behandelt wurde. Die Stiefmutter, die anfangs vor allem durch Abwägung von praktischen und wirtschaftlichen Gründen in die Familie gelangt war, konnte in den gewachsenen Familienstrukturen nicht recht Fuß fassen.

Trotz anfänglicher Versuche die Gunst der Kinder zu gewinnen, blieb ihr später keine andere Rolle als die der eifersüchtigen Antagonistin, denn sie konkurrierte mit den Kindern um die Liebe des Mannes und nutzte jede Gelegenheit, Keile der Spaltung zwischen Vater und Kinder zu treiben. Die Kinder stellten sich immer zusammen mit ihrem Vater gegen ihre Ansichten, worauf sie sich gezwungen sah, etwas zu unternehmen. Neuerdings nutzte sie die jüngsten napoleonischen Steuererhöhungen, um Stimmung zu machen gegen ihre Schutzbefohlenen:
„Sieh, Mann“, versuchte sie ihn jeden Abend vor dem prasselnden Kaminfeuer zu bearbeiten, „die jüngste Steuererhöhung von 119% unseres Gesamteinkommens lassen uns keine Überlebenschance mehr, wir müssen die Kinder los werden, das ist die einzige Lösung.“ „Nein, auf gar keinen Fall, ich liebe meine Kinder sehr, sie sind mein eigen Fleisch und Blut, ich will nicht, dass ihnen etwas geschieht“, pflegte der Mann dann zu antworten. Das ging einige Zeit so, doch stets wollte der Vater nichts unternehmen. An diesem Abend machte die Stiefmutter einen weiteren Vorschlag:  “Geben wir die Kinder doch dem Köhler in die Lehre. Er soll ihnen eine glänzende Zukunft bescheren.”  Der Köhler litt jedoch selbst unter der hohen Abgabenlast und so hielten sich hartnäckig Gerüchte, nach denen er seine Lehrlinge bereits vor Vollendung des ersten Lehrjahres verspeisen solle, denn sein Beruf allein konnte ihn kaum noch ernähren.

“Nein und nochmals nein” sagte der Vater auch dieses Mal. Hynsel, der diese Gespräche nun schon seit einiger Zeit durch die schlecht isolierten Wände verfolgt hatte, sprach an diesem Abend zu Gruytel: “Schwesterchen, ich kann die unentschiedene Haltung unseres Vaters und unserer Stiefmutter uns gegenüber nicht länger ertragen. Es mangelt ihnen an unzweideutiger Liebe. Wir geben ihnen alles, doch niemals ist es genug. Jetzt soll es uns reichen. Liebe Gruytel, lass uns auf Acid kommen”. “Lieber Hynsel, ich denke seit einiger Zeit dasselbe und auch ich will mit dir auf Acid gehen”,  antwortete Gruytel treuherzig.

So also setzten sie ihren kühnen Plan bereits am folgenden Tag in die Tat um. Gemeinsam waren  sie zum Holzeinschlag in den Wald gegangen und wie immer hatten die beiden ihren Eltern bis  zur totalen Erschöpfung beim Holz hauen geholfen. Doch als sich der Vater am Abend nach  seinen Kindern umsah, waren sie verschwunden.

Dann fand er jedoch eine Brotkrume im trockenen Laub liegen. “Was ist das?”, fragte er sich, hob sie auf, aß sie und sah dann eine weitere Krume etwas weiter liegen. Verband man die beiden Fundstellen, ergab sich eine gedachte Linie, an dessen Ende er seine flüchtenden Kinder vermutete.

Seine Frau hatte bereits den Heimweg angetreten und wartete nicht auf ihn. Der Vater verfolgte die Brotkrumenstrecke noch ein Weilchen, bis er feststellen musste, dass die Krumen immer seltener wurden und schließlich nicht mehr auffindbar waren. Er vermutete, die Kinder wären zum einen schneller vorangekommen als er selber, was ihre Entschlossenheit zum Ausdruck brachte, und zum anderen hatte er die Vögel des Waldes im Verdacht, die Krumen bereits aufgepickt zu haben. Er folgerte weiter, seine Kinder haben ihm auf diese Weise ein Zeichen geben wollen, etwa in der Art: ‘Lieber Vater, sorge dich nicht um uns, wir können aufeinander aufpassen und leiden keinen Hunger, denn siehe, wir werfen sogar unser letztes Brot weg, weil wir sicher sind, uns selber Essen beschaffen zu können. Wir mussten einfach gehen, um die Liebe kennen zu lernen. Ab jetzt sind wir auf Acid.’ Mit diesem Gedankengang gab sich der Vater zufrieden und ging nach Haus.

Hynsel und Gruytel irrten weiter durch den großen dunklen Wald. Schließlich überließen sie sich der Waldesruh, betteten sich auf Moos und schliefen die ganze Nacht einen tiefen, weitgehend traumlosen Schlaf. Am andern Morgen waren sie hungrig und durstig. Sie irrten eine Weile, waren dann jedoch froh, eine Quelle zu finden, an der sie ihren Durst stillen konnten. Die Stimmung der Kinder besserte sich, als sie in der Nähe Pilze wachsen sahen, die sie teilten  und hastig verschlangen. Sie weilten noch etwas an der plätschernden Quelle und dösten so vor sich hin. Nach einiger Zeit fiel den beiden ein schöner Vogel auf, der auf dem höchsten Stein über der Quelle saß und sein irres Lied trällerte. Da überkam die beiden die Waldeslust. Sie nahmen wahr, wie der Vogel erst zwei ganze, dann einen quälenden, unfertigen Akkord herausbrachte. Das ganze loopte er über drei verschiedene Tonlagen und produzierte am Ende jedes Loops auch noch einen Hall rückwärts.

“Mein Gott”, stöhnte  Hynsel, “ist das ätzend”. “Ja”, pflichtete ihm Gruytel bei, “aber vergiss nicht, lieber Hynsel, wir sind schließlich auf Acid.” Gleich anschließend fügte sie hinzu: “Ach sieh, jetzt fliegt er davon! Wollen wir ihm folgen?” So sprach sie und schon sprangen sie dem Tier leichtfüßig nach.

Schließlich gelangten die beiden an eine sehr merkwürdig aussehende Hütte. Sie war über und über mit kleinen bunten Pillen und einem weißen, Puderzucker nicht unähnlichen, Pulver bestreut. Die Fenster waren aus rot schimmerndem, durchsichtigen Zeug. „Hoch raffinierter Zucker in einer Gelatine-Emulsion“, vermutete Hynsel. „Nimm Du von den Fenstern, Gruytel, das schmeckt süß, ich werde mich indessen mit dem Dach vergnügen“, sagte er zu Gruytel. Als der Junge eine der farbigen, eiförmigen Pillen, die in etwa die Größe eines kleinen Wachteleies besaßen, verschluckt hatte, geschahen merkwürdige Dinge. Er bekam nach einer kurzen Zeit das Gefühl, der Wald verflösse irgendwie, werde konturlos und sozusagen gasförmig. Hynsel begann schwebend, tänzelnd, von groß erscheinenden Kräften getrieben, darin herum zu irren.

Nach einer Weile preschten zwölf kaiserliche Offiziere aus Napoleons Armee auf ihn zu. Der Junge war beeindruckt wegen ihres Glanzes, der Farben Blau, Weiß und Rot, den goldenen Kordeln und baumelnden Säbeln. Sie reiteten im Kreis um ihn herum, wirbelten durch den gasförmigen Wald und riefen ihm zu:
„Komm mit uns, wir machen etwas aus dir“,
„Was wollt ihr mir denn beibringen?“ fragte Hynsel.
„Ohne Gram zu töten und dafür geehrt zu werden.“
„Ich will aber die Liebe kennen lernen“, rief er ihnen zu, die noch im Kreis um ihn durch die wabernden
Schwaden ritten.
„Die Liebe zum Vaterland bringen wir dir schon bei“, entgegneten sie.
„Welches Vaterland denn?“, wollte Hynsel wissen, „Ich will die unendliche Liebe, die mich ganz und gar
durchströmt, wenn ich sie anfasse“, und mit diesen Worten von ihm verschwanden die Reiter.
Der gasförmige Wald verschwand nun ganz langsam, Hynsel stand mit Gruytel wieder vor dem Häuschen und streckte seine Hand nach der nächsten Pille aus. Da öffnete sich die Tür des Hauses einen kleinen Spalt und eine merkwürdige Musik ertönte, dann hörten sie, nein besser sollte man sagen: Es strömten die Laute einer krächzenden Stimme heraus.

Grigni-Grignot,
pas mon faute
qui lèche
ma maison sèche?

Und die Kinder antworteten:
C’est le vent, c’est le vent
Le céleste enfant.

Nun ging die Tür weiter auf und eine sehr große alte Frau erschien in ihr mit trüben Augengläsern. Sie besaß wohl an die zwei Meter Scheitelhöhe, mutmaßte Hynsel und stöhnte innerlich: „Oh mein Gott, die wirkliche, die echte Übermutter!“
„Kommt nur herein Kinderchen, kommt nur herein“, krächzte die Alte, bog ihren Zeigefinger mehrfach einwärts und bedeutete ihnen so, ihr zu folgen.
„Hier gibt es noch weit mehr für Euch, kommt nur in mein gastliches Haus“, lockte sie sie und die beiden folgten ihr wortlos.
In der Hütte dann nahmen sie Platz und lauschten gebannt der weiteren Werbung der Hexe:
„Bei mir habt ihr es gut, bei mir lernt ihr viel. Ich halte für euch den unendlichen Schatz aller Musik bereit.“ Die Kinder wurden sofort hellhörig.
„Von mir bekommt ihr alle Raves, die ihr und alle eure Zuhörer brauchen. Ich zeige Euch, wie ihr einfach alle Samples loopen könnt bis zum absoluten Höhepunkt!“
Die Hexe hob ihre Stimme immer begeisterter bei jedem Satz ein wenig an und betonte jedes Wort.
„Ich zeige Euch, wie ihr das Ende aller Megatrends herbeiführen könnt, durch mich haben Moden wie Barock und Romantik keine Bedeutung mehr, denn ich zeige euch, wie ihr alles, ganz einfach alles, was ihr euch überhaupt vorstellen könnt, praktischen jeden Ton auf der Welt, sampelt und ad Infinitum loopen könnt. Durch mich werdet ihr aufsteigen als die Königskinder des ‘Final Techno Pop’!“
Mit diesen verheißungsvollen Worten schob sie plötzlich einen Vorhang zurück und die Kinderchen sahen mit weit aufgerissenen Augen in einen Raum, der viel ausgedehnter erschien als diese Hütte überhaupt groß war. Ihre Augen bekamen Durchmesser wie Untertassen, wie an manchen lang zurück liegenden Weihnachtsabenden, als ihre liebe Mutter noch lebte. Dort befanden sich Switchboards, Keyboards, Synthesizer, Frequenzanalyser, Fader, große Analog-Spulen, sowie Computer und komische schwarze Boxen. Alles schien wahllos untereinander  durch endlose Kabel in allen Farben verbunden. Die alte Hexe warf ihnen noch eine kleine Pille in den Mund, griff in eine Schublade, auf der „Trance“ stand und fuhr dann ein Demo-Band ab. Die Kinder schmolzen sofort dahin, tauchten ab in einen Traum, aus dem sie am liebsten nicht mehr aufgewacht wären.
Am anderen Morgen jedoch hatte sich die Situation gewandelt. Gruytel fragte, wo denn bloß ihr Hynsel geblieben sei.
„Den habe ich bereits angeschlossen“, sagte die Hexe und klang diesmal ziemlich unfreundlich.
„Was? Woran denn? Wozu?“
„An meinen Human-Interface-Master-Sampler. Deines Bruders Hirnwellen gehen nun direkt in meinen Sequenzer und dienen mir als Grundlage für das eine Lied, welches einfach alles auf der Welt in einen endlosen Loop verwandelt, der nur noch meinem Kommando gehorcht!“
Mit diesen hässlichen Worten stimmte sie ein krächzendes Gekicher an, welches bei Gruytel die schlimmsten Befürchtungen auslöste. Die arme Gruytel musste nun tagaus tagein durch den Wald irren und mit einem Aufnahmegerät Samples einfangen. Sie jammerte viel, doch alles half nichts, sie musste tun, wie ihr die Frau Hexe befohlen hatte und so nahm sie praktisch alles auf, was irgendwie in ihre Reichweite kam: Vogelstimmen, Käfergekrabbel, Wildschweingrunzen und so weiter. Bereits nach einigen Tagen wurde sie etwas wählerischer, nahm nicht einfach nur alles auf, sondern versuchte das Besondere und Außergewöhnliche zu finden: Die Bewegung der Spinne auf ihrem Netz, das Öffnen der Blütenkelche der Ackerwinde am Morgen, das Abtropfen des Morgentaus von den Grashalmen und solche Dinge, die nur in der Welt des ganz kleinen existieren. Die Hexe war begeistert von ihrer Arbeit.
“Sieh mein Kind, bald ist es soweit”, pflegte sie zu sagen.
“Schon bald mache ich Hynsel zur universalen, alles bestimmenden Stimme der Natur. Dann steht uns nichts mehr im Wege für die totale Beherrschung.”
Gruytel aber dauerte Hynsel sehr, so wie er dort lag, mit all den Kabeln an seinem Kopf und dem abwesenden, leeren Blick zur Decke.
“So freiheitsentziehend und menschenverachtend habe ich mir unseren Acid nicht vorgestellt”, sagte sie sich und wurde umso trauriger, je euphorischer die Hexe wurde.
“Ich muss etwas unternehmen”, entschied sie grimmig.
Eines Morgens versuchte die Hexe, Hynsels Gehirn neu zu kalibrieren.
“Ich brauche einen passenden Referenzwert”, sagte sie sinnierend, “sonst bekomme ich das nicht hin.” Und zu Gruytel gewandt zischte sie: “Geh, leg dich neben deinen Bruder!”
Die verängstigte Gruytel tat wie ihr geheißen. Als die Hexe auch das Mädchen verkabelt hatte, ging sie zurück an ihre Regler und versuchte ungeduldig einige Einstellungen, die aber alle nicht das gewünschte Ergebnis brachten.
“Es ist zum Läuse filettieren!” fluchte sie.
Dann entschied sie, sich selbst an die Apparatur anzuschließen. Alles musste man doch selbst machen. Sie befreite Gruytel, erklärte ihr ganz genau, welche Amplituden sie wie zu beeinflussen hatte, auf welche Parameter sie zu achten habe, nahm dann ihre trübe Brille ab und schloss sich dann selbst an. Gruytel ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Sie überschritt willentlich einige Grenzwerte bei den Einstellungen für die Hexe, bis diese nur noch wirres Zeug redete und anschließend in einen katatonischen Zustand mit Augenflimmern überging.
Sie befreite Hynsel auf der Stelle und erklärte ihm feierlich: “Wir sind jetzt endlich frei! Die böse Hexe befindet sich nun endgültig in ihrem Techno-Thule und kann uns nichts mehr antun!”
Hynsel grinste etwas jenseitig, denn nach dem tagelangen Verbundensein mit den Maschinen der Hexe war er nicht mehr ganz derselbe. Sie durchsuchten nun die Hütte der Hexe und fanden einen reichen Schatz an weiteren Demo-Bändern vor. Sie sackten alles ein und verließen den verwunschenen Ort. Bald darauf erreichten sie die Hütte ihres Vaters, der sie überglücklich in seine Holzfäller-Arme schloss. Es stellte sich heraus, dass die Stiefmutter sie aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Überlegungen verlassen hatte. Leider konnten sie ihren großen Schatz der endzeitlichen Musik, die sie von der Hexe erbeutet hatten, nicht zu Geld machen, denn sie hatten kein Abspielgerät mitgehen lassen. Außerdem wurde der Wechselstrom zu dieser Zeit noch nicht kommerziell genutzt und die Verkaufszahlen der einzelnen Volksschlager wurden noch nicht so systematisch erfasst, als dass sich daraus die Hitparade hätte ermitteln lassen können.
“Immerhin haben wir uns wiedergefunden, Acid ist erst mal verschoben und die Kernfamilie ist wiedervereint”, gab Hynsel zu bedenken.
“Ja, und jetzt wissen wir auch endlich, was Liebe ist”, fügte Gruytel den positiven Lernerfolgen ihrer Exkursion hinzu.
“Nämlich?”
Da sagte sie: “Liebe ist, den Acid nicht allein für sich zu behalten, ihn nicht zu missbrauchen, sondern so vielen Leuten wie möglich Stärke zu geben und sie zu ent-zweifeln.”

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