Eure Bilder für ‘Schneeweiß & Rosentot’?
3. Februar 2010 von FlorianAb heute suchen wir Eure visuellen Eindrücke für die ‘Trash-Geschichte’ (laut der Autorenaussage) eines anonymen Schreibers. Er möchte sich nicht zu erkennen geben. Darum nennen wir ihn auch ANONYMOUS.
Sendet uns Eure Bilder, die Szenen der Erzählung interpretieren. Wie Ihr teilnehmen könnt, findet Ihr hier.
Text: ANONYMOUS
Schneeweiß & Rosentot
Eine Stimme flüstert:
“Ich stehe jeden Tag an meinem Fenster. Es zeigt auf die Stadt. Unter mir erstrecken sich ein Kindergarten, ein Supermarkt und viele Häuser. Die Menschen dort verfolgen ihre Tätigkeiten wie ein Uhrwerk. Routine ist ein Machtwerkzeug. Einmal gefangen, zieht es dich mit sich, macht dich zum Sklaven. Auch diese Zeit ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Sie hat ein großes Stück dazu beigetragen, all die vorausgehenden Jahre zu vergessen. Aber sie hat mich zu einem Bürokraten gemacht, einem Rädchen in der Gesellschaft. Ich habe nichts zu sagen. Man redet mir ein, ich soll glücklich sein. Das Denken übernehmen andere für mich. Isaak, die Menschen vernichten sich selbst mit ihrer gespielten Freizügigkeit und angeblichen Liebe. Aber ich habe Dich verstanden. Ich werde sie belehren. Wie du mein Leben.”
Es zieren die Schemen kleiner Schlösser das Bild des prachtvollen Parks. Breite Wege wurden angelegt. Zusammen mit gepflegten Grünanlagen erinnern sie an englische Gärten. Zu weit früherer Zeit belebten Tiere die Umgebung, ein Beobachtungsabenteuer für die damalig wohlhabende Gesellschaft. Man sagt sich, dass sie dazu aufwendig veranstaltete Jagden abhielten und sich bis auf das Äußerste vergnügten. Heute ist alles brach und ungepflegt. Nur eine kleine Gruppe mittelloser Leute als Arbeiter angeheuert schafft noch Ordnung. Beseitigt Müll von Besuchern, die in dieser Jahreszeit rar sind. Die Fenster der übrig gebliebenen Gemäuer sind mit Pappe und Brettern vernagelt. Sie wurde unzugänglich gemacht für die oft randalierende Jugend. Schotterwege werden provisorisch in Form gehalten, nicht weiter behandelt. Sie sollen die Menschen auf dem schnellsten Wege durch die einst unbeschreibliche Grünanlage führen.
Auf einer Bank im Labyrinth der Parkwege sitzen beide in ihren Mänteln eingehüllt und schweigen sich an. Äußerlich genießen sie die winterliche Atmosphäre, die Ruhe und Zweisamkeit. Innerlich wagt niemand den ersten Schritt. Zwischen den Robinien, Kastanien und Kiefern wirken sie trotz jungen Alters wie ein Rentnerpaar, dessen Tage partnerschaftlicher Unterhaltung schon lange vorüber sind. Eine groteske Stimmung färbt die vernehmbare Lautlosigkeit, bis er fragt: „Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Bist du dir sicher, dass wir nicht miteinander verwandt sind - seit der Kindheit getrennt aufgewachsen?“ Seine Stimme ist wie geschmolzener Teer. Sie ist dunkel. Die Worte klingen zäh und lang gezogen. Doch sie stört es wohl nicht. Sie lächelt nur: „Nein, ich hoffe doch nicht. Ich müsste der Versuchung mit aller Kraft widerstehen und mir Träume verbieten.“
Er atmet den Duft des Parfums ein, dass sie trägt. Es verspricht Nähe und drängt die kalte Winterluft in den Hintergrund. Sein rechter Mundwinkel wird von einer nervlichen Krankheit so stark ergriffen, dass er eine Grimasse ziehen muss, um zu lächeln, bevor er entgegnet:
„Aber nicht doch. Träume sind der Herzenswunsch nach Veränderung und Aufregung. Eine Fahrt ins kontrollierte Nirgendwo – die Gedanken übernehmen das Steuer.“
Ihr Blick schweift ab. Sie wirkt plötzlich geistesabwesend, scheint aber weiter zuzuhören. Das Lächeln vergräbt sich hinter einer nachdenklichen Miene. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkt er, wie sie gedanklich abdriftet. Es ist eine Verdunkelung des Verstandes. Literatur außer dem Wort der heiligen Schrift
hat ihn nie interessiert. Vereinigen Gottes Worte doch des komplexen Leben’s Drama – intensiver, als es je ein Schreiber schaffen konnte. Dennoch glaubt er, Shakespeares einzig wahre Julia gefunden zu haben: mandelbraune Locken, gebändigt und zusammengesteckt; Lippen – tiefroter Glanz, als lägen Rosenblätter auf ihnen; Augen – klar wie Wasser und so grün wie Wiesen; Sommersprossen – sanftes Orangengelb.
Sie stammelt verlegen: „Ich habe Sehnsucht nach dem heiteren Leben. Kurz weilte ich in ihm, doch verzog es sich wieder, nachdem es sich besann. Ich bin ihm wohl noch zu unreif. Bin ich der Grünling schlechthin?“
Die Stimme singt:
“Ja… so unbeschreiblich unerfahren… so zuckersüß…”
„Nein nicht doch! Denk so etwas nicht. Ich glaube, Du bist eine Göttin! Ich sitze hier neben dir. Aller Alltag ist vergangen und weit entfernt. Spüre die satte Helligkeit deiner Person. Sie strahlt wie ein aufgegangener Stern und reist mich mit.“ Er verlagert das Gewicht seiner mächtigen Statur und vergräbt die rechte Hand tiefer in die Manteltasche, um den bloßen Angriff der Kälte abzuwehren. Nimmt mit der anderen ihre Hand in seine: „Reifen bedeutet tugendliche Geduld bewahren. Überschlag schmerzt. Also verweile in deinem Jetzt und genieße die jugendliche Freude.“
Man sieht, wie unzufrieden sie mit der Antwort ist und entgegnet:
“Warum? Als Küken wird man vor allem Bösen behütet. Sie verschonen mich vor weltlichen Kontakt. Sie vertreiben meine Träume und Wünsche. Und irgendwann in der Nacht schlafe ich vor Erschöpfung ein. Nach der wundervollen Lust nach Nähe, von starken Händen aufgenommen zu werden und dann doch wieder mit verheultem Gesicht, die Sehnsucht nach mehr….“ Ihre Worte verlieren den Halt und gleiten ab ins Nirgendwo, verirren sich auf der Suche nach seiner
Aufmerksamkeit.
Die Stimme fragt:
“Isaak … bist du da? Kannst du mich sehen? Die Zeit der Qualen ist vorüber. Kannst du dich noch erinnern? Ich fiel auf Knien, flehte dich an, mir endlich Deinen Segen zu geben. All die anderen Kinder – du hast sie geschlagen und missbraucht, sie als dein Spielzeug benutzt. Dachtest du sie würden dich verehren? Dachtest
du wirklich sie würden dich lieben? Ich habe sie beobachtet, habe sie belauscht, wie sie getuschelt haben, wie sie über dich geredet haben. Einen ‘Götzen’ nannten sie dich, einen ‘verwichsten Hurensohn’. Dafür hasste ich sie. Nun schweigen sie, nachdem ich ihre zarten Hälse in meinen Händen hielt. Du hattest Recht: Ehre, was Du bekommst, als sei es das Letzte!”
Eiskalter Wind treibt Schneewehen an, schiebt sie auf dünner, zarter Schneeschicht vorbei, die mildes Licht einer schwachen Wintersonne reflektieren. Die Luft ist würzig und umspült die Nasenflügel. Sie schneidet wie ein Messer in die erdbeerfarbenen Wangen. Lässt man seinen Blick um den See wandern, bleibt er an einer Trauerweide neben dem Schilf hängen. Bindfadendürre und meterlange Ästchen sind mit der dicken Eisschicht verschmolzen. Während er versuchte, sein Haupt zu retten, verlor der Baum den Halt. Das Grasbewachsene Ufer stößt ihn von sich, er kippt wohl mit der Zeit immer weiter in den See. Er liebäugelt mit dem Bild des langsamen Unterganges. Er fühlt den Schmerz, den Verlust und die Einsamkeit des von der Natur verstoßenen Baumes.
„Oh, du Röslein auf dem Wiesengrund, abgeschottet vom Rest der Welt. Hörst du das Meer rauschen? Spürst du den Schwung der Wellen, wie sie im verschneiten Winter auf den Strand schlagen? Begleitet von einer kalten Botschaft aus der Ferne?“
Seine Hand beginnt leicht und unkontrolliert zu zittern. Sie kichert. Gluckst vergnüglich wie eine 17-jährige im Kreis ihrer Freundinnen. Schnell zieht er sie weg und lässt ihre fallen. Ihr Grinsen schlägt um in fröhliches Lachen und nun lacht auch er:
“Siehst du? So gefällst Du mir mit Deinen giftgrünen Augen. In dir steckt versunken eine Prinzessin, die auf den erlösenden Prinzen wartet. Ich bin sicher, er stand schon oft vor dir. Doch dein Drang nach mehr hat ihn wieder vertrieben.“
Ihr Gesicht erhellt sich. Es leuchtet wie der Stern, von dem er sprach.
„Vielleicht sitzt er grad wieder neben mir.“
Zum ersten Mal - seit sie nebeneinander auf der vereisten Bank saßen, Krähen über die Baumkronen kreisten und sie oft schwiegen - dreht sie ihren Kopf zu ihm. Sodass er seine Augen fliegen lassen kann über die glänzenden Haare und die klaren Augen. Während ihre Lippen ihm entgegen wandern, werden sie von der Zunge mit einem hauchdünnen Film benetzt, dass sie glänzen. Ihre Hand fährt in seinen Schoss, tastet zwischen seinen Schenkeln. Er sieht, wie sie ihre Zunge auf seine Brust drückt, sie kreisen lässt, an seinen Warzen knabbert, vor Erregung in seine Schultern beißt. Er sieht, wie sich ihre Gestalt vor ihm rekelt, nackt wie Gott eine Jungfrau schuf. Wie sie wohl sein möge, mit Brüsten wie Äpfel und Warzen wie Kirschen.
„Ja, vielleicht.“
Er beugt sich ihr entgegen. Seine Blicke fallen an ihr herab. Eine enge Hose vollendet die lüsterne Fantasie und wandelt das Mädchen in ein zerbrechliches Wesen. Ihre Lippen treffen auf einander. Die Zungen beginnen, die Leidenschaft anzufeuern. Sie schwingt die Arme um seinen Hals, rutscht näher an seinen Körper, reibt sich an seinen Beinen. Seine Hände ertasten ihren Hals, streichen ihr über die Wange. Wie zwei Blinde suchen sie einander. Hinter geschlossenen Augen sieht er, was sie finden muss und er bekommen wird.
Die Stimme schwärmt:
“Sieh sie dir an! Sieh genau hin und betrachte sie. Du darfst hinschauen. Du bekommst sie aber nicht. Keiner! Dieser Triumph gehört mir. Die Sammlung ist fast vollständig. Sie ergibt ein Bild. Es schafft ein Paradies von ungeahnter Schönheit mit Perspektiven unvorstellbarer Visionen. Deine Visionen, Isaak. Ich habe
endlich die Kraft gefunden, das Ende einzuläuten. Keiner wird sich mehr sträuben können wie einst meine gebrechliche Gestalt. Empfange mein größtes Geschenk!”
Die Nachmittagssonne wird außergewöhnlich stark. Sie beginnt an Kraft zu gewinnen, ohne dass es einer von beiden bemerkt.
„Hast du Angst?“
Seine Stimme vibriert, während sein rechter Mundwinkel extrem stark nach unten fällt. Es sieht aus, als ziehe jemand die Haut vom Hals ab und zerfetze dabei sein Gesicht. An kalten Tagen schlägt die Krankheit tiefe Narben, die dunkle Schatten hervorheben.
„Wovor sollte ich Angst haben? Ich stehe an der Eingangstür zu einem abenteuerlichen Leben. Streife Freude taumelnd mit meinen Errungenschaften in der Hand durch die Gegenwart, mit einen Fuß in der Zukunft …“
Er lächelt: „Das tust du. Ja, das tust du … Und vor dem Tod? Sicher doch nicht, oder? Dir wäre so etwas fremd. Die Angst meine ich?“
Sie überlegt kurz. Lässt etwas Zeit verstreichen und grinst: „Wenn ich es mir so recht überlege, gehe ich doch selbst gern über Leichen.“
Die Worte sind wie ein Orgasmus für ihn. Blitze zucken hinter den Augenlidern, ein Film aus Schauer und Schweiß pult die Härchen aus den Poren und formt eine einzigartige Gänsehaut. Besser schafft das kein Kokain. Er stößt sie zärtlich von sich weg und greift nach einem Stein unter der Bank. Sein Arm holt aus und schlägt ihr den Brocken mit Schwung gegen die Stirn. Sie prallt gegen die Lehne und verdreht die Augen. Benommen sackt sie in sich zusammen. Schnell springt er auf die Beine, reißt sie von der Bank in den Schnee und wirft sich mit großer Wucht auf ihren zierlichen, erschlafften Körper. Er hält ihren Hals wie einen Pokal in seinen Händen und drückt seine Ellenbogen auf ihren Brustkorb, um sie am Boden zu halten. Seine kalten Finger bohren sich in die Haut. Sie hat keine Chance zu schreien. Der Druck auf die Lunge ist zu groß.
“Du junges Ding bist zu schade für diese Welt, werde dich bewahren vor der Unmenschlichkeit, werde schützen deine Jungfräulichkeit, werde nicht zulassen, dass man dich verletzt – gar missbraucht, für die Geilheit deiner Mitmenschen.“
Seine Stimme wird härter, wie die Erregung, die sich in seiner Hose zeigt. Rhythmisch bewegt er sich auf ihr wie auf einem Kinderkarussell. Mit jedem Wort wird er leiser und rückt näher an ihr Ohr, bis er nur noch zischt. Je mehr er flüstert, desto panischer wird sie. Desto öfter versucht sie, sich krampfhaft aus seinem eisigen Griff zu lösen. Sie versucht, die eigenen Arme zu befreien und um sich zu schlagen.
„Was…nein!…wii-e-soo?!“
Ihre Augen erfeuchten und sind voll von Todesangst. Die Tränen rinnen über die gefrorenen Wangen und landen im aufgewühlten Schnee. Sie vermischen sich mit Blut, das beim Schlag spritzte.
“Psst! Fürchte dich nicht Kleines. Bald wird es dir besser gehen. Vertrau mir! Noch ein letztes Wort, die Zeit gebe ich dir, um ein letztes mal deiner wohltuenden Stimme zu lauschen.“
Er schließt seine Augen. Bläst seinen heißen Atem in ihr Ohr. Es vergehen Sekunden, in denen es still ist. In der kein Wind die Ruhe stört, die sich wie ein Tuch über sie legt. Es sind Sekunden der Ernüchterung und des Erkennens. Sie begreift die Wirklichkeit der Situation und deren Ausweglosigkeit. Begreift, dass sie dem Teufel ausgeliefert ist. Statt zu reden, beginnt sie zu schluchzen und erleidet einen Weinkrampf.
Er blinzelt:
„Möge Gott dich segnen und behüten“, er drückt ihren Hals zusammen, als zerknülle er Papier. Die Daumen pressen auf den Kehlkopf. Ihre Augen weiten sich. Sie schnappt wieder und wieder und wieder nach Luft, zuckt immer wieder zusammen. Als vergifte Epilepsie ihren süßen Körper.
Die Stimme zischt:
“Die Zeit steht still. Das Draußen ist weit weg. Wir entdecken die Geborgenheit. Wir leben den Glauben und bringen ihn Heim. Dort, hinter Glas, bewahren wir ihn auf und wenn es soweit ist setzen wir ihn ein mit unserem Sinn nach Gerechtigkeit. Du süßes Ding… schließe die Augen, mach sie fein zu. Sagte man dir nicht ‘Schönheit hat ihren Preis’? Warnten sie dich, vor die großen Tore zu treten? Es tut mir so leid. Du hast es wahrscheinlich überhört. Aber tröste Dich. Der Ort, an den du nun gehst, ist warm und hell. Was soll dich das andere interessieren? Du bist jetzt in einer besseren Welt. Siehst Du, Isaak? Wieder habe ich sie für Dich gerettet!”
Der Tod nimmt sie in seinen Griff. Er lässt nicht mehr locker, zieht sie hinab in die Tiefen der Ewigkeit. Bringt sie an den Ort, wo sie alle warten. Die Kleinen wie die Großen. Die Schwachen wie die Starken. Die Hässlichen wie die Schönen.
Drei Monate später, es ist noch im Grauen, überwindet eine schwarz gekleidete Gestalt, viele Kilometer verschneiten Waldes, nur um eine Hütte zu erreichen, in der unter kleinen Sonnen viele tausend Rosen blühen. Über seine Schulter geworfen ist eine große Ledertasche, die, weil sie bis zum Rand gefüllt ist, bizarre Gebilde abzeichnet. Auf seinen Weg durch tiefe Schneeschichten zieht er eine rote Spur nach sich.



